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Merken   Drucken   29.07.2012, 18:53 Schriftgröße: AAA

Schwächelnde Konjunktur: Maue Erholung gefährdet Obamas Wiederwahl

Für die Wahl im November ist US-Präsident Obama auf einen konjunkturellen Aufschwung angewiesen. Doch Amerikas Konsumenten sind verunsichert - es sieht nicht gut aus.
von Berlin und New York

Fachleute bezweifeln, dass Barack Obama in den entscheidenden Wochen vor den Präsidentschaftswahlen Anfang November noch einmal kräftigen konjunkturellen Rückenwind bekommt. Zwar wird die US-Wirtschaft Experten zufolge auch in der zweiten Jahreshälfte wachsen. Das Tempo dürfte jedoch zu gering sein, um die im Fokus stehende Arbeitslosigkeit deutlich zu senken, glauben immer mehr Beobachter. Die wirtschaftliche Erholung stehe auf wackligen Beinen, sagt Michelle Meyer, Ökonomin bei der Bank of America Merrill Lynch.

Der Ausblick für die größte Volkswirtschaft der Welt habe sich "jüngst deutlich eingetrübt", schreiben auch die Fachleute der Dekabank. Das könnte Experten zufolge schon bald wieder die US-Notenbank Fed auf den Plan rufen, die in dieser Woche tagt.

US-Präsident Barack Obama   US-Präsident Barack Obama

Die Erholung der Wirtschaft ist knapp 100 Tage vor dem für den 6. November geplanten Urnengang ein zentrales Thema im US-Wahlkampf. Die Arbeitslosigkeit verharrt seit Jahresbeginn hartnäckig über der Marke von acht Prozent - ein klarer Abwärtstrend ist nicht erkennbar. Seit Einführung der Statistik im Jahr 1948 wurde kein Präsident bei einer vergleichbaren Lage auf dem Arbeitsmarkt wiedergewählt. Für Ronald Reagan reichte es im Herbst 1984 für eine zweite Amtszeit, als die Erwerbslosigkeit bei 7,4 Prozent lag.

Zwar erholt sich die US-Wirtschaft weiterhin von der schwersten konjunkturellen Krise seit Anfang der 80er-Jahre - Fachleute schließen ein Abrutschen in die Rezession in den kommenden Quartalen aus. Vor allem der Häusermarkt sendet beinahe im Wochenrhythmus positive Signale. Die Hypothekenschulden der privaten Haushalte sind sogar auf ein Niveau gefallen, das auf dem Trend der vergangenen Jahrzehnte liegt.

Doch vor allem am Arbeitsmarkt verläuft die Erholung schleppend. Das Kernproblem: Das Wirtschaftswachstum reicht nicht aus, um die Misere am Jobmarkt schnell zu entschärfen. In den drei Monaten von April bis Juni legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf das Jahr hochgerechnet um 1,5 Prozent zu, wie das Handelsministerium am Freitag meldete. Diese annualisierte Rate entspricht einem Plus von 0,4 Prozent zur Vorperiode.

Um die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit drücken zu können, braucht die US-Wirtschaft Experten zufolge jedoch ein Wachstum von mindestens drei Prozent. Einige Ökonomen in den USA gehen zwar davon aus, dass die Konjunktur in der zweiten Jahreshälfte wieder etwas an Fahrt aufnehmen könnte. Mehr als 2,5 Prozent veranschlagt inzwischen jedoch kaum ein Prognostiker. Es sei derzeit schwer auszumachen, woher Treiber für wirtschaftliches Wachstum kommen sollen, sagt Chris Jones, Ökonom bei der TD Bank.

Tatsächlich sind Amerikas Konsumenten verunsichert. Dabei tragen sie mit einem Anteil von 70 Prozent am stärksten zur gesamtwirtschaftlichen Erholung bei. Das Verbrauchervertrauen sank aber im Juli von 73,2 auf 72,3 Punkte und damit auf den niedrigsten Stand in diesem Jahr, wie die Uni Michigan am Freitag bestätigte.

Auch die BIP-Zahlen fürs zweite Quartal lassen auf eine Malaise der Haushalte schließen. Vor allem dank eines statistischen Effekts stieg der Konsum auf das Jahr hochgerechnet um 1,5 Prozent - und damit so schwach wie seit einem Jahr nicht mehr. Anfang 2012 hatte es ein Plus von 2,5 Prozent gegeben. Die Einzelhändler mussten zuletzt jeweils Einbußen hinnehmen.

Dabei sind nicht nur die Querelen in der Euro-Zone Grund zur Sorge bei Verbrauchern und Unternehmen in den USA. Die fiskalpolitischen Aussichten im eigenen Land sind ebenfalls höchst unsicher. Zum Jahreswechsel sollen nach aktueller Gesetzeslage viele Steuererleichterungen aus der Bush-Ära auslaufen - ein kräftiger Konsolidierungsschub droht. Kommt es tatsächlich so, würde die US-Wirtschaft im ersten Halbjahr 2013 in eine ausgeprägte Rezession rutschen, glaubt das parteiunabhängige Congressional Budget Office (CBO). Daher plädieren viele Beobachter bereits für gesetzliche Änderungen. "Die Kombination aus glanzlosem Arbeitsmarkt, Sorgen um die US-Fiskalpolitik und die Verschlechterung der Lage an den europäischen Finanzmärkten hat die Verbraucher veranlasst, ihr Geld stärker zusammenzuhalten", sagt Sung Won Sohn von der California State University.

Bis Mittwoch dieser Woche trifft sich die US-Notenbank Fed, um über weitere geldpolitische Maßnahmen zu diskutieren. Noch zögern die Währungshüter jedoch, ein drittes Kaufprogramm von Anleihen aufzulegen. Kaum ein Experte geht davon aus, dass Fed-Chef Ben Bernanke in dieser Woche neue Stützungsmaßnahmen verkünden wird. Sollte sich die Konjunktur in den kommenden Wochen jedoch weiter abschwächen, glauben die Fachleute der Bank of America Merrill Lynch an ein Eingreifen der Fed auf den nächsten beiden Treffen.

  • Aus der FTD vom 30.07.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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