FTD.de » Politik » Konjunktur » Was die EZB von der Schweiz lernen kann
Merken   Drucken   21.08.2012, 16:44 Schriftgröße: AAA

Schweizer Franken: Was die EZB von der Schweiz lernen kann

Die Schweiz gibt für die Verteidigung des Franken viel Geld aus und interveniert wiederholt am Devisenmarkt. Daran kann sich die Europäische Zentralbank ein Beispiel nehmen.
© Bild: 2011 Bloomberg/CHRISTOPHE BOSSET
Die Schweiz gibt für die Verteidigung des Franken viel Geld aus und interveniert wiederholt am Devisenmarkt. Daran kann sich die Europäische Zentralbank ein Beispiel nehmen.
von Berlin

Nicht nur in Frankfurt wird heiß über Notenbank-Interventionen diskutiert - auch in Zürich. Hintergrund: das von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) vergangenen Spätsommer etablierte Wechselkursziel für den Franken . Knapp ein Jahr später fällt die Bilanz gemischt aus. Die Notenbanker mussten zuletzt doch wieder intervenieren, insgesamt kommen sie nach Einschätzung einiger Ökonomen aber günstiger weg als ohne festes Ziel.

Kursinformationen und Charts
   [ %
   [ %

Die SNB hatte vergangenen September das Kursziel von 1,20 gegenüber dem Euro  bekannt gegeben. Ab diesem Ziel würde sie intervenieren, um den Schweizer Franken zu verteidigen. Im Zuge der Euro-Krise hatte sich der Schweizer Franken für viele Anleger zu einem "sicheren Hafen" entwickelt. Das ließ die Währung deutlich aufwerten - zum Unmut der Schweizer Notenbanker. Denn die Alpenwirtschaft ist abhängig von Exporten. Ein zu starker Franken ist Gift für die Schweizer Firmen, weil er ihre Produkte relativ teurer am Weltmarkt macht. Zudem erlitten Schweizer Einzelhändler Umsatzverluste, da viele Kunden in grenznahen Gebieten den starken Franken für Käufe im EU-Ausland nutzten.

Daher intervenierte die Notenbank wiederholt am Devisenmarkt, um den Wechselkurs zu stabilisieren - bis sie schließlich das Wechselkursziel ausgab. Die Aktionen der SNB haben vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um Zielgrenzen für Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank (EZB) besondere Bedeutung. Die Interventionen bleiben in der Schweiz sehr umstritten, ähnlich wie bei der Diskussion um die EZB.

Kampf gegen die Aufwertung: Schweizer Notenbankgeldmenge   Kampf gegen die Aufwertung: Schweizer Notenbankgeldmenge

Die Hoffnung einiger Ökonomen, dass dank der Ausgabe des Zinsziels die Notenbank überhaupt nicht mehr intervenieren muss, hat sich nicht erfüllt. "Nachdem es anfangs so aussah, als ließe sich die Wechselkursuntergrenze ohne Devisenkäufe der SNB halten, hat die Verschärfung der Krise im Euro-Raum dazu geführt, dass die SNB mittlerweile massiv am Devisenmarkt intervenieren muss", sagte Jochen Hartwig, Volkswirt beim KOF-Institut in Zürich.

Nach Ansicht einiger Ökonomen war allerdings nicht nur die Euro-Krise schuld: Im Januar 2012 musste der damalige SNB-Präsident Philipp Hildebrand wegen des Verdachts auf Beteiligung an Insidergeschäften zurücktreten. "Die politischen Attacken haben dazu beigetragen, die Glaubwürdigkeit der Schweizer Zentralbank zu schwächen - was ein Grund gewesen sein dürfte, warum sie in diesem Jahr dann doch intervenieren musste", sagte Christian Schulz von der Berenberg Bank.

Die Entwicklung zeigt sich bei Betrachtung der sogenannten Zentralbankgeldmenge M0 (siehe Grafik). Darunter versteht man die Menge des Geldes, das von der Zentralbank ausgeben wurde, und die sich nicht im Kassenbestand der Geschäftsbanken befindet. Diese steigt in der Schweiz, weil die Notenbank Franken ausgibt, um Devisen zu kaufen.

Dabei gab es einen rasanten Anstieg vor der Bekanntgabe der Zielgrenze im September 2011 - von 77,8 auf 254 Mrd. Schweizer Franken. "Genauso wie das bisherige Staatsanleihe-Aufkaufprogramm der Europäischen Zentralbank hat auch die erste Interventionswelle der SNB 2009 nicht durchgeschlagen", sagte Alexander Koch, Schweiz-Experte der Großbank Unicredit. "Damals wurde bei einem noch deutlich höheren Euro-Franken-Kurs ohne konkrete Ziele interveniert." Die öffentliche Festlegung auf eine Zielansage zeigte dagegen zunächst Wirkung. Erst ab dem Frühjahr musste wieder interveniert werden. Doch in der Summe kam die Notenbank dabei günstiger weg: "Zwischen Juli und September 2011 musste die SNB rund 30 Prozent vom BIP ausgeben. Nach Bekanntgabe des Zieles konnten zwischenzeitlich sieben Prozent wieder zurückgenommen werden", so Schulz. Das zeige, dass es viel billiger für eine Zentralbank sei, ein klares Ziel zu setzen, als offenzulassen, wann und wie eine Intervention erfolgt.


Vorbild Schweiz
Kontra Ökonomen streiten darüber, inwieweit die Schweizer Erfahrungen übertragbar sind auf die aktuelle Debatte um Zinsziele der Europäischen Zentralbank (EZB) für Staatsanleihen. Einige Experten halten die Unterschiede schlicht für zu groß, um irgendwelche Rückschlüsse zu ziehen. Für die Schweiz als kleine, offene Volkswirtschaft sei eine Zielbindung zur Abwehr von Wechselkursunsicherheiten empfehlenswerter als für große, geschlossenere, sagt Ansgar Belke, Professor an der Uni Duisburg-Essen.
Pro Andere Ökonomen sehen Unterschiede, die eher für eine Festlegung von Zinszielen durch die EZB sprechen. "Während die SNB die Wurzel ihrer Probleme, nämlich die Euro-Krise, nicht angehen kann, würde die EZB dies tun können, indem sie durch Zinsziele die Marktpanik beseitigt", sagt Berenberg-Ökonom Christian Schulz. Hinzu komme, dass an Anleihemärkten die Verteidigung eines Zinsziels einfacher sei als an Währungsmärkten.
15:29:19 Kursinformationen und Charts
Name aktuell  absolut  
    % 
    % 
  • Aus der FTD vom 22.08.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
Infos zum Thema EZB
  • Wer hätte das gedacht: In Folge der geldpolitischen Maßnahmen von EZB und US-Notenbank Fed liefern die europäischen Börsen eine rasante Rally zum Jahresschluss. Auch die Unternehmensbilanzen haben sich weiter verbessert. Gute Aussichten fürs neue Jahr. mehr

  •  
  • blättern
 
Karikaturen der Woche - Spanische Woche

Weitere Themen im karikierten Wochenrückblick (21. November bis 25. November): Klare Verhältnisse, ein Geschenk aus Brüssel, die Einflüsterer, Schni-schna-schnappi mehr

Währungs-Skulptur
...und tschüss, Euro!

Elf Jahre lang stand das fünf Meter hohe Euro-Zeichen vor dem Terminal 2 des Frankfurter Flughafens. Nun muss es weg, denn die Sicherheit ist nicht mehr gewährleistet - die des Passagierverkehrs. Oder doch die der Währung? mehr

  •  
  • blättern
Infografik Thema EZB
  • Die EZB hält auch Bundesbankchef Jens Weidmann nicht mehr auf, glauben Volkswirte - die Staatsanleihekäufe werden kommen. FTD.de zeigt, wie 31 Bankvolkswirte Zinsen, Inflation und Wirtschaftswachstum in der Eurozone einschätzen. mehr

  •  
  • blättern
© 1999 - 2013 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Impressum | Datenschutz | Nutzungsbasierte Online Werbung | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

Geldanlage | Altersvorsorge | Versicherung | Steuern | Arbeitsmarkt | Energiewende | Ökostrom | Auto | Quiz | IQ-Test | Allgemeinwissen | Solitär | Markensammler