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Merken   Drucken   09.05.2011, 10:05 Schriftgröße: AAA

Streitfall Haircut: Pro und Kontra einer Griechenland-Umschuldung

Für viele Fachleute scheint klar, dass das Land seine Kredite neu strukturieren muss. Folge: Besitzer griechischer Staatsanleihen erhalten ihr vorgestrecktes Geld teils oder gar nicht zurück. Aber wie sinnvoll ist ein Haircut eigentlich? Ein Faktencheck.
© Bild: 2011 dapd
Für viele Fachleute scheint klar, dass das Land seine Kredite neu strukturieren muss. Folge: Besitzer griechischer Staatsanleihen erhalten ihr vorgestrecktes Geld teils oder gar nicht zurück. Aber wie sinnvoll ist ein Haircut eigentlich? Ein Faktencheck. von Mathias Ohanian, Berlin
Europa diskutiert heftig, ob Griechenland seine Schulden umstrukturieren muss oder nicht. Sogar über einen Euro-Austritt wird spekuliert. Wie der FTD-Check zeigt, sprechen jedoch viele Argumente gegen die verbreitete These, eine Umschuldung sei die beste Lösung.
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Dabei ist keineswegs klar, dass dieser Schritt unabwendbar ist. Eine Haushaltssanierung könnte gelingen, wenn das Wirtschaftswachstum zulegt und die Verunsicherung der Anleger abnimmt, also die Risikoprämien der Anleihen wieder sinken. Dann müsste Griechenland einen Haushaltsüberschuss vor Zinsen erwirtschaften - und das Problem wäre auch ohne Radikalkur zu lösen.
Thomas Mayer, Chefökonom der Deutschen Bank, schätzt, dass ein Haircut von der Hälfte der ausstehenden Schulden des Landes zu Verlusten von 160 Mrd. Euro bei den Kreditgebern führen dürfte. Die Europäische Zentralbank (EZB) lehnt als größter einzelner Bankengläubiger Griechenlands einen Schuldenschnitt vehement ab.

Streitfall - Argumente für und gegen eine Umschuldung
PRO KONTRA
Angesichts einer horrenden Verschuldung von rund 150 Prozent der Wirtschaftsleistung wird Griechenland das Problem ohne Umschuldung nicht in den Griff bekommen, sagen Befürworter eines Haircuts. Griechenland verfolgt ehrgeizig sein Ziel, das Haushaltsdefizit zu drücken. Bereits 2013 könnte es nur noch knapp über vier Prozent liegen. Das Land kann also um eine Umschuldung herumkommen, sagen Gegner eines Schuldenschnitts.
Mit einem lausigen Wirtschaftswachstum von nominal 1,5 Prozent in diesem Jahr und einer Zinsbelastung von 15 Prozent ist die Umschuldung unabwendbar. Deshalb sollte die Reißleine in Form eines Schuldenschnitts so bald wie möglich gezogen werden. Sinken die von den Investoren geforderten Zinsen um die Hälfte und wächst die Wirtschaft um gut einen Prozentpunkt stärker als bisher erwartet, brauchen die Griechen nur noch einen Haushaltsüberschuss vor Zinsen von fünf Prozent. Das haben in der Vergangenheit bereits Länder wie Belgien und Italien geschafft. Das Schuldenproblem würde sich also auch ohne Umschuldung lösen.
 
PRO KONTRA
Die Finanzmärkte bewerten jedes Euro-Land nach seinen fundamentalen Daten. Deshalb ist die Gefahr einer Ansteckung anderer Staaten gering. Sollten in der Folge mehr Länder umschulden müssen, ist das aus ihrer individuellen Situation heraus gerechtfertigt. Als Kanzlerin Angela Merkel (CDU) im November 2010 mit Blick auf den Euro von einer „außerordentlich ernsten Lage“ sprach, stiegen die Refinanzierungszinsen von Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und auch Italien teils dramatisch. Das lässt darauf schließen, dass die Finanzmärkte keineswegs sehr selektiv agieren. Vielmehr steigt durch eine Umschuldung das Risiko weiterer Pleiten automatisch. Denn eine Kettenreaktion kommt in Gang.
 
PRO KONTRA
Die Forderungen deutscher und französischer Banken gegenüber Griechenland liegen lediglich bei rund 35 Mrd. Euro. Europas Geldhäuser verkraften einen Schuldenschnitt also ohne größere Probleme. Damit besteht keine Gefahr für das Finanzsystem. Es ist nur schwer abzuschätzen, wie viel europäische Geldhäuser insgesamt in Griechenland investiert haben und wie diese Banken untereinander verzahnt sind. Das Risiko einer Schockstarre wie nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers und das einer systemischen Krise sind hoch.
 
PRO KONTRA
Ein Schuldenschnitt ist zwar kein Ersatz für ökonomische Reformen. Eine Umschuldung dürfte den Reformdruck jedoch lindern, da es ohnehin eine gewisse Zeit dauert, bis sich Griechenland an den Märkten wieder Geld leihen kann. Eine Umschuldung löst die wirtschaftlichen Probleme Griechenlands überhaupt nicht. Grundlegende Probleme wie geringe Wettbewerbsfähigkeit oder Fehleinschätzungen der Finanzmärkte werden nicht angegangen.
 
PRO KONTRA
Finanzhilfen bieten massive Anreize, dass Euro-Länder ihr schludriges Fehlverhalten der Vergangenheit fortsetzen. Nur ein Schuldenschnitt sorgt dafür, dass wieder verantwortungsvoll gehaushaltet wird. Die Finanzhilfen sind an harte Konsolidierungsbedingungen geknüpft und gehen unter anderem mit hohen Gehaltskürzungen im öffentlichen Dienst einher. In Irland sinken die Staatsgehälter um 15 Prozent. Auch die Kreditzinsen sind sehr hoch. So muss Irland rund sechs Prozent zahlen. Kein Euro-Land will daher freiwillig diese Hilfen in Anspruch nehmen. Das zeigt auch das Beispiel Portugals: Das Land hatte sich über Monate gegen das Hilfsprogramm gewehrt.
 
PRO KONTRA
Ist der Schuldenschnitt groß genug, könnten Investoren schneller wieder Vertrauen in die Solvenz Griechenlands gewinnen. Hinzu kommt: Das Anpassungsprogramm sieht für den hellenischen Haushalt bis über 2020 hinaus Primärüberschüsse vor. Verzögert sich die Rückkehr an die Märkte, muss Griechenland für diesen Zeitraum also keine weiteren Nettokredite aufnehmen. Länder, die umgeschuldet haben, werden sich für lange Zeit nicht an den Finanzmärkten refinanzieren können – zu groß ist die Sorge, dass sich Geschichte wiederholt. Das zeigt das Beispiel Russland: Nach einem Schuldenausfall im Jahr 1998 kehrte das Land erst 2010 wieder an die Märkte zurück. Hinzu kommt: Eine Umschuldung löst nicht automatisch das Schuldenproblem.
 
  • FTD.de, 09.05.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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