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Wieviel Wirtschaftsleistung braucht die Welt? Die Debatte über eine Neudefinition gewinnt an Fahrt: Geht es um Geld, Glück oder etwas anderes? Eine Kommentarserie der Financial Times Deutschland zum Thema Wachstum

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  15.12.2009, 08:05    

Systemfrage: Das große Wachstums- Missverständnis

Kommentar Wieviel Wirtschaftsleistung braucht die Welt? Die Debatte über eine Neudefinition gewinnt an Fahrt: Geht es um Geld, Glück oder etwas anderes? von Ulrike Sosalla
Dafür, dass es bloß um eine kleine, nackte Zahl geht, sind beim Wirtschaftswachstum ganz schön große Emotionen im Spiel. Im Wahlkampf antwortete Bundeskanzlerin Angela Merkel auf die Frage, was Deutschland brauche, mit einem lakonischen Drei-Wort-Satz: "Wachstum schafft Arbeit." Und Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt macht die Wachstums- gleich zur Überlebensfrage: "Unsere Weltwirtschaft benötigt Wachstum als Impuls für ihre Existenz."
Der VW Käfer galt als Symbol des bundesdeutschen Wirtschaftswunders   Der VW Käfer galt als Symbol des bundesdeutschen Wirtschaftswunders
Die kleine Zahl, um die es dabei eigentlich geht, ist die Veränderung des Bruttoinlandsprodukts (BIP), also aller Güter und Dienstleistungen, die in einem Land hergestellt werden. Diese Zahl, die die Statistiker in Wiesbaden alle drei Monate errechnen, ist die wohl am meisten beachtete Größe in Politik und Wirtschaft.
Denn längst ist die Bedeutung des Wortes weit über die kleine Zahl dahinter hinausgewachsen. Wachstum steht für mehr als für die Zunahme der materiellen Basis. Wer das Wachstum beschwört, meint gewöhnlich Fortschritt, Wohlstand und Beschäftigung gleich mit. Der Zuwachs des Materiellen ist fest verbunden mit einem Zuwachs an Wohlergehen. Und das parteiübergreifend.
Doch immer mehr Menschen stellen diese Verbindung infrage. Aus den Zirkeln der Ökonomen drängen die Zweifel am Sinn des immerwährenden Zuwachses in die breite Öffentlichkeit. Unversehens gelten Wachstumskritiker nicht mehr als ökologisch motivierte Verzichtsprediger, die den Weltuntergang heraufbeschwören, oder moralinsaure Fortschrittskritiker, die den überbordenden Konsum für den Verfall bürgerlicher Werte verantwortlich machen.
Das Werk des britischen Nationalökonomen John Stuart Mill, der 1871 den "stationären Zustand" als unvermeidlichen Endpunkt eines marktwirtschaftlichen Systems beschrieb, wird ebenso wieder aus den Regalen geholt wie der Bericht "Grenzen des Wachstums", mit dem der Club of Rome 1972 vor der drohenden Übernutzung der Erde warnte.

Teil 2: Wozu brauchen wir überhaupt Wachstum?

  • FTD.de, 15.12.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland
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