Es gibt kaum eine heiße wirtschaftspolitische Debatte oder kluge ökonomische Analyse, in der ihr Name nicht fällt: Joseph Stiglitz, Kenneth Rogoff und Jagdish Bhagwati bilden mit einem guten Dutzend weiterer Top-Ökonomen einen einzigartigen Think Tank. So konträr ihre Ansichten auch sein mögen: Sie schreiben für eine exklusive Serie, die die FTD in Zusammenarbeit mit der internationalen Public-Benefit-Organisation 'Project Syndicate' veröffentlicht.
Ashoka Mody ist Assistant Director in der Europaabteilung des Internationalen Währungsfonds (IWF).
Portugal hat seinen Kreditgebern vor kurzem ein Angebot gemacht: Statt im September 2013 fällige Anleihen einzulösen, will die Regierung ihre Tilgungsverpflichtung bis Oktober 2015 strecken. Irland hat in letzter Zeit ähnliche Geschäfte abgewickelt und Kurzläufer gegen Papiere mit längeren Laufzeiten getauscht.
Diese Transaktionen lassen eine breiter angelegte Strategie erkennen: Sie wollen sich aus der Abhängigkeit der Troika (Europäische Kommission, Europäische Zentralbank, Internatinaler Währungsfonds) befreien und sich Zeit kaufen.
Ziel der Strategie ist: der private Sektor. Die beiden Länder wollen sich zukünftig dort das Geld leihen. Private Investoren haben nämlich erkannt, dass Tilgungen sich über längere Zeit hinziehen können. Im Gegensatz zur Troika: Darauf zu bestehen, dass festgelegte Zahlungsmodalitäten eingehalten werden, könnte eine unhaltbare Ballung der Zahlungen mit möglicherweise unangenehmen Folgen verursachen.
Der Erfolg dieses Strategiewechsels setzt ein ausreichend starkes Wirtschaftswachstum in den folgenden Jahren voraus. Die Länder müssen ihre Fähigkeit stärken und beweisen, ihre Schulden später besser tilgen zu können.
Die Schuldenquoten Irlands und Portugals werden voraussichtlich im nächsten Jahr ihren Höchstwert erreichen - vorhergesagt sind Quoten von etwa 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts BIP. Danach werden sie wieder fallen. Diese Berechnungen, sowohl der Höchstwert als auch der Schuldenrückgang, hängen entscheidend vom angenommenen Wachstumstempo ab.
Doch genau diese Wachstumsaussichten bleiben düster. Die portugiesische Volkswirtschaft wird nach aktuellem Stand um 1 Prozent schrumpfen. Ende Juni diesen Jahres sagte der Internationale Währungsfonds (IWF) noch ein bescheidenes Wachstum voraus. Und beim Abschluss der Rettungsvereinbarung im Mai 2011 prognostizierte man für 2013 ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von 1,25 Prozent.
Derartige Prognose-Korrekturen sind inzwischen alltäglich geworden. Neuste Schätzungen für Italien und Spanien gehen von einem stärkeren Abschwung aus, der sich bis ins nächste Jahr hinziehen wird.
Irland schlägt sich ein bisschen besser, obwohl auch seine Wachstumsprognose nach unten korrigiert werden musste - auf knapp unter 0,5 Prozent für 2012 und 1,4 Prozent für das kommende Jahr. Zudem schrumpft das irische Bruttosozialprodukt (BSP) weiter. Jede weitere Korrektur nach unten bedeutet, dass sich der Zeitpunkt, an dem die Schuldenquote ihren Höchstwert erreicht, weiter nach hinten verschiebt.
Nach 2013 hängt das Wachstum zwangsläufig davon ab, dass entweder Strukturreformen greifen oder die Weltwirtschaft deutlich stärker wird. Zweit genanntes ist kurzfristig eher unwahrscheinlich. Kritisch für Europa ist, dass der Welthandel in den letzten Monaten praktisch stagniert hat. Dieser Handel und die Wirtschaftsentwicklung in der Eurozone scheinen sich gegenseitig zu beeinflussen und nach unten zu ziehen.
Das kann ernste Folgen haben. Zwar geht das Primärszenario des IWF von einem baldigen Ende des Anstiegs der irischen und portugiesischen Schuldenstände aus - es enthält jedoch ein beängstigende Risiken. Die Wahrscheinlichkeit, dass Haushalts- und Schuldenziele verfehlt werden, steigt.
Die Eurozone hat daher drei Möglichkeiten: die hochverschuldeten Länder müssen noch mehr Sparen; Europa vergemeinschaftet seine nationalen Schulden; oder die Schuldenprofile müssen kreativ umgestaltet werden, wobei die Anleger früher oder später Verluste werden hinnehmen müssen.
Sparen allein reicht allerdings nicht. Einige Länder sehen sich der wachsenden Gefahr nahezu unbefristeter Sparprogramme ausgesetzt, die das Wachstum weiter dämpfen und die Schuldenquoten hoch halten. Schließlich muss ein Land, dass seine Schuldenquote ohne Sparmaßnahmen verringern will, einen Zinssatz auf seine Schulden zahlen, der kleiner ist als die Wachstumsrate seines BIP. Ist der Zinssatz höher, ist Sparen angesagt; je größer die Differenz zwischen diesen beiden Zinssätze ist, desto mehr muss gespart werden.
In Anbetracht der Begrenzungen der Sparpolitik streben mehrere Initiativen eine europäische Lösung an. Einige Sondereinrichtungen der EU vergeben gemeinsam mit dem IWF Kredite zu einem Zinssatz, der unter dem Marktzins liegt. Nehmen die Länder diese Kredite in Anspruch, verringern sie so das Ausmaß der erforderlichen Sparmaßnahmen.
Doch die finanziellen Mittel schrumpfen. Sie würden sicherlich nicht reichen, falls Spanien und Italien um Unterstützung bäten. Die Ankündigung der EZB, ein neues Programm zum Ankauf von Staatsanleihen einzuführen, hat am Markt zu einem Zinsrückgang geführt. Das reicht wahrscheinlich nicht aus: Die langfristigen Zinsen vieler Länder werden in den kommenden Jahren höchstwahrscheinlich höher ausfallen als ihre Wachstumsraten.
Ehrgeizigere europaübergreifende Bemühungen werden durch verschiedene Vorschläge für Eurobonds verkörpert. Diese Pläne laufen auf eine Vergemeinschaftung der Schulden hinaus, bei der ein Teil der Schuldenlast eines Landes von den Steuerzahlern anderer europäischer Länder übernommen wird. Der politische Widerstand gegen eine derartige Vergemeinschaftung war allerdings enorm. Um die Idee ist es dementsprechend ruhiger geworden.
Angesichts der Tatsache, dass unbefristetes Sparen unhaltbar ist und andere in Europa nur in beschränktem Umfang helfen können, werden sich die Optionen ohne ein robustes Wachstum schnell verengen. Es ist jetzt also viel von der EZB abhängig - und davon, wie lange die Maßnahmen ausreichen, einen Waffenstillstand mit den Finanzmärkten aufrechtzuerhalten.
Möglicherweise nimmt die portugiesische Strategie des Sich-Zeit-Kaufens kommende Entwicklungen vorweg. Aber irgendwann ist diese Zeit abgelaufen: Wird es dann endlich einen stärkeren Aufruf an die Anleihegläubiger geben, einen Teil der Lasten zu übernehmen?
Ja, so ist es: unsere Politiker spielen weiter auf Zeit (Bundestagswahl!), die eingesetzten Summen wachsen und am Ende muß das meiste davon natürlich abgeschrieben werden. Und irgendwie (aber wie??) soll dies die EU zu einem Spieler mit globaler Bedeutung entwickeln - niemals!