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  FTD-Serie: Die Top-Ökonomen

Es gibt kaum eine heiße wirtschaftspolitische Debatte oder kluge ökonomische Analyse, in der ihr Name nicht fällt: Joseph Stiglitz, Kenneth Rogoff und Jagdish Bhagwati bilden mit einem guten Dutzend weiterer Top-Ökonomen einen einzigartigen Think Tank. So konträr ihre Ansichten auch sein mögen: Sie schreiben für eine exklusive Serie, die die FTD in Zusammenarbeit mit der internationalen Public-Benefit-Organisation 'Project Syndicate' veröffentlicht.

Merken   Drucken   29.08.2012, 14:11 Schriftgröße: AAA

Top-Ökonomen: Optimismus bei Schwellenländern verpufft

Kommentar Es war falsch, von früheren wachstumsstarken Jahrzehnten auf die Zukunft zu schließen. Die ernüchternde Erkenntnis: In Schwellenländern wird es kaum mehr Wirtschaftswunder geben.
von Dani Rodrik
 
Dani Rodrik ist Professor für Ökonomie an der Harvard University

Vor einem Jahr war von Wirtschaftsanalysten nichts als überschwänglicher Optimismus für die weitere Entwicklung der Schwellenländer zu hören. Im Gegensatz zu den USA und Europa, wo bestenfalls schwaches Wachstum zu erwarten war, sollten die Schwellenmärkte den starken Aufwärtstrend des Jahrzehnts vor der Finanzkrise fortsetzen und zum Motor der Weltwirtschaft werden.

Dani Rodrick   Dani Rodrick

Die Volkswirte der Citigroup  zum Beispiel verkündeten kühn, noch nie seien die Voraussetzungen besser gewesen für ein breit angelegtes, nachhaltiges Wachstum rund um den Globus. Bis 2050 würde die weltweite Produktion deutlich steigen, angeführt von Schwellenländern in Asien und Afrika, so die Ökonomen. Die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers prognostizierte, das BIP-Wachstum in China, Indien und Nigeria werde bis Mitte des Jahrhunderts über 4,5 Prozent liegen. Und die Beratungsgesellschaft McKinsey betitelte eine ihrer Studien frei übersetzt "Afrikas Löwen im Aufbruch".

Heute klingt das ganz anders. Das Wirtschaftsmagazin "The Economist" spricht vom großen Abschwung. Und die jüngsten Wirtschaftsdaten aus China, Indien, Brasilien und der Türkei signalisieren das schwächste Wachstum seit Jahren. Der Optimismus ist Zweifeln gewichen.

Es war falsch, von früheren wachstumsstarken Jahrzehnten auf die Zukunft zu schließen. Ebenso falsch ist es, jetzt zu viel in kurzfristige Fluktuationen hineinzulesen. Aber es gibt gute Gründe für die Annahme, dass starkes Wachstum in den kommenden Jahrzehnten eher die Ausnahme sein dürfte.

Um zu verstehen, warum das so ist, muss man verstehen, wie "Wachstumswunder" funktionieren. Abgesehen von einer Handvoll kleiner Länder, die vom Boom der Bodenschätze profitierten, verdanken alle erfolgreichen Volkswirtschaften der vergangenen 60 Jahre ihr Wachstum einer schnellen Industrialisierung. Wenn es an der ostasiatischen Strategie eines gibt, worin sich alle einig sind, dann dass Japan, Südkorea, Singapur, Taiwan und China außergewöhnlich gut darin sind, Arbeitskräfte vom Land in die organisierte Fertigung zu verlagern. Das war bei früheren Wirtschaftswundern, in den USA etwa oder in Deutschland, nicht anders.

Die Fertigungsindustrie ermöglicht einen schnellen Aufstieg, weil es relativ leicht ist, ausländische Produktionstechnologien zu kopieren, selbst in armen Ländern, die mit vielen Nachteilen zu kämpfen haben. Meine Studien zeigen erstaunlicherweise, dass die Fertigungsindustrie gegenüber Technologiebranchen unabhängig von Politik, Institutionen oder Geografie mit einer jährlichen Wachstumsrate von rund drei Prozent aufholt. Daher ernten Länder, die aus ihren Landwirten Fabrikarbeiter machen, einen enormen Wachstumsbonus.

Natürlich sind auch einige moderne Dienstleistungssektoren in der Lage, Produktivitätsrückstände aufzuholen. Aber die meisten hochproduktiven Dienstleistungen erfordern eine breite Palette an Kompetenzen und institutionellen Fähigkeiten, die Schwellenländer nur allmählich aufbauen können. Ein armes Land kann in den verschiedensten Fertigungssektoren problemlos mit Schweden konkurrieren, aber bis es in der Lage ist, sich mit Schwedens Institutionen zu messen, vergehen Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte.

Am Beispiel Indien zeigen sich die Grenzen einer Taktik, die sich in den frühen Entwicklungsphasen auf Dienstleistungen statt auf die Industrie konzentriert. Das Land hat eine bemerkenswerte Kompetenz bei IT-Dienstleistungen wie Software und Callcentern aufgebaut. Doch den meisten indischen Arbeitskräften fehlen die nötigen Fähigkeiten und die nötige Bildung, um in diesen Sektoren unterzukommen. In Ostasien wurden ungelernte Arbeitskräfte in städtische Fabriken gesteckt, wo sie im Vergleich zu ihren früheren Jobs auf dem Land ein Vielfaches verdienten. In Indien bleiben sie auf dem Land oder erbringen einfache Dienstleistungen, bei denen ihre Produktivität nicht viel höher ist als vorher.

Zweigleisiger Ansatz nötig

Eine erfolgreiche langfristige Entwicklung erfordert daher einen zweigleisigen Ansatz: Industrialisierung begleitet von einem kontinuierlichen Aufbau von Personal und institutionellen Kapazitäten. Das dienstleistungsgetriebene Wachstum muss stark genug sein, um den Aufwärtstrend fortzusetzen, wenn die Industrialisierung an ihre Grenzen stößt. Ohne Industrialisierungsimpuls wird es für die Wirtschaft schwer, überhaupt erst in Schwung zu kommen. Doch ohne langfristige Investitionen in das Humankapital und in die Institutionen des Landes ist das Ende des Wachstums programmiert.

Der traditionelle Industrieansatz hat heutzutage deutlich an Effektivität eingebüßt. Das hängt mit Veränderungen in der Fertigungstechnologie ebenso zusammen wie dem globalen Umfeld. Der technische Fortschritt hat den Qualifizierungs- und den Kapitalbedarf in der Fertigung deutlich ansteigen lassen. Infolgedessen ist die Fertigungsindustrie deutlich weniger in der Lage, Arbeitskräfte aufzunehmen. Der nächsten Generation der heranwachsenden Industrienationen wird es unmöglich sein, wie Ostasien 25 Prozent oder mehr von ihrer Bevölkerung in die Fertigung zu verlagern.

Zudem hat die Globalisierung insgesamt und speziell der Aufstieg Chinas den Wettbewerb auf den Weltmärkten deutlich intensiviert. Neulingen fällt es schwer, sich ihren eigenen Raum zu schaffen. Chinas Arbeitskraft wird zwar teurer, aber China ist noch immer ein formidabler Wettbewerber für jedes Land, das erwägt, in die Fertigung einzusteigen. Die Fertigungsindustrie wird für arme Länder weiterhin das Sprungbrett sein, aber die Sprünge werden nicht so rasch aufeinanderfolgen und auch nicht so hoch sein wie früher. Wachstum wird bestenfalls langsam und schwierig zu erreichen sein.

  • Aus der FTD vom 30.08.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 30.08.2012 09:33:00 Uhr   Philosoph: Der Havardprofessor und die BRIC-Staaten

    Prof. Rodrik vertritt eine typisch amerikanische Sicht der Wirtschaft in der Welt, z. B. BRIC-Staaten. Es ist nicht falsch, auf Probleme beim Wirtschaftswachstum hinzuweisen, die auch entwickelte Industriestaaten durchlebt haben. Nur die direkte Verbindung von BRIC-Staaten und deren künftigen Problemen mit vergleichbaren Problemen der Industriesataaten ist wissenschaftlich unzulässig. Es müssen schon die jeweils spezifischen Besonderheiten herausgearbeitet werden. Davon findet sich weder explizit im Beitrag noch implizit als Hintergrund zu seinen Thesen ein Hinweis.
    Konkret: China hat 2010 Japan als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt abgelöst. Nehmen wir nun an, dass in Fünfjahresabschnitten das Wachstum jeweils um ein Prozent abnimmt. Von 2011 bis 2015 wächst die Wirtschaft um 8 % jährlich, dann um 7 %, um 6 %, um 5 %, um 4 % und schließlich um 3 % jährlich. Das BIP würde bis 2040 auf über das Siebenfache steigen. Schon bis 2020 ist eine Verdopplung drin. Nehmen wir dann noch an, dass der Renminbi um 25 % gegenüber dem Dollar in einem Jahrzeht steigt, dann ist China die erste Wirtschaftsmacht der Welt. Von diesem Platz wird China nicht mehr verdrängt werden. So kann man dann das Wachstum der anderen BRI-Staaten berechnen.
    Ein Hinweis: Die 3 % Wachstum in China 2039 sind in absoluten Zahlen gerechnet, viel mehr Zuwachs als die 11,4 % 2011. Es kann das Phänomen beobachtet werden, dass bei der Betrachtung des relativen Wachstumszahlen, das absolute Wachstum aus dem Blick fällt. An ein Missverständnis von relativen und absoluten Zahlen bei Prof. Rodrik mag ich nicht glauben.
    Leider muss auch in dem Beitrag des Topökonomen wieder das bemängelt werden, eas nicht geschrieben ist. Was passiert in den USA, wenn die BRIC-Staaten weiterhin schnell wachsen und demnächst die STIM (MiIST) - Staaten in ihren Wachstumsprozenten die BRIC übertreffen? Was sagt das Wahlprogramm der Republikaner bzw. der Demokraten? Amerika kann auf Sicht von 20 oder 30 Jahren seine Weltmachtposition nich beibehalten. Die damit verbundenen Umwälzungen werden auch an der Sozialpsyche der Amerikaner nicht spurlos vorüber gehen. Die Amerikaner, auch ihre Eliten, scheinen nicht zu ahnen, welche Herausforderungen auf die USA zukommen. Das demonstriert Prof. Rodrik eindrucksvoll.
    Die Deutschen ficht das alles nicht an, solange die Exporte in diie BRIC-Staaten jährlich um mehr als 15 % steigen. China wird bald das Hauptexportland für uns sein. Immer stärker hängt dann unser Wachstum von den BRICSTIM ab und nicht von der Eurozone oder der gesamten EU. Müssen wir dann noch Mitleid mit dem ClubMed haben? Wer diskutiert mit?

  • 29.08.2012 22:40:24 Uhr   Robert: Wen wundert's
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