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Merken   Drucken   05.05.2011, 16:38 Schriftgröße: AAA

Trotz Inflationssorgen: Trichet macht Zinspause bis in den Sommer

Der Leitsatz in der Euro-Zone bleibt bei 1,25 Prozent. Auch bei der nächsten Sitzung im Juni dürfte der EZB-Rat um Jean-Claude Trichet zunächst stillhalten - obwohl er die Inflation auch mittelfristig über zwei Prozent sieht. Der Euro fällt um mehr als zwei Cent. von Joachim Dreykluft  , Wolfgang Proissl  und André Kühnlenz 
Die Europäische Zentralbank belässt den Leitzins bei 1,25 Prozent. Das gab die Institution nach ihrer Sitzung in Helsinki bekannt. Erstmals bei einer Ratssitzung dabei war der neue Bundesbankpräsident Jens Weidmann, der seit Montag im Amt ist. Der Zinsentscheid sei einstimmig gefallen, sagte EZB-Chef Jean-Claude Trichet bei der anschließenden Pressekonferenz. Anlass für den Sitzungsort Helsinki ist das 200-jährige Jubiläum der finnischen Notenbank.
Trichet machte deutlich, dass es wohl auch bei der Sitzung im Juni bei 1,25 Prozent bleiben wird. Er sagte bei der Pressekonferenz nach dem Zinsentscheid: „Wir werden alle Entwicklungen in Bezug auf Aufwärtsrisiken für die Preisstabilität sehr genau beobachten.“ Dies gilt als Formelsatz dafür, dass die EZB zunächst abwarten wird. Trichet vermied den Begriff „hohe Wachsamkeit“, der als Signal für eine rasche weitere Zinserhöhung gegolten hätte.
In ersten Reaktionen waren sich Beobachter einig, dass es einen nächsten Zinsschritt frühestens im Juli geben wird: "Wahrscheinlich kommt der nächste Schritt im Juli und noch einer Ende des Jahres. Der Erhöhungszyklus wird wohl langsamer ausfallen als in der Vergangenheit. Das ist eine der Kernbotschaften", sagte etwa Norbert Braems von der Deutsche-Bank-Tochter Sal. Oppenheim.
Der Euro  sackte nach den Worten Trichets deutlich ab. Er fiel am Nachmittag bis auf 1,4622 Dollar. Zu Beginn der Pressekonferenz kostete er noch 1,4840 Dollar. Das spricht dafür, dass sich Marktteilnehmer aus der Gemeinschaftswährung zurückziehen, die zuvor auf eine schnelle Ausweitung der Zinsdifferenz zum Dollar-Raum gewettet hatten. Außerdem sei der Verfall durch automatische Verkaufsorders vergrößert worden, hieß es im Markt.
Vor der EZB hatte bereits die Bank of England ihren Leitzins bei 0,5 Prozent bestätigt.
Die Euro-Notenbanker hatten im April zum ersten Mal seit dem Höhepunkt der Finanzkrise im September 2008 ihren Leitzins auf aktuell 1,25 Prozent angehoben. Angesichts des zunehmenden Inflationsdrucks - in der Euro-Zone lag die Teuerung zuletzt bei 2,8 Prozent und damit deutlich über der Zielmarke der EZB - scheinen weitere Zinserhöhungen im weiteren Jahresverlauf aber ausgemachte Sache zu sein.
Kursinformationen und Charts
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Trichet machte deutlich, dass er nicht glaubt, dass die Euro-Inflation bald zur EZB-Zielmarke von unter, aber nahe zwei Prozent zurückkehrt: "Vorausschauend werden die Inflationsraten in den nächsten Monaten wahrscheinlich klar über zwei Prozent bleiben." Als Gründe nannte er vor allem Energie- und Rohstoffpreise. Es gebe weiterhin reichlich Liquidität, die die Verstärkung des Preisdrucks erleichtern könnte.
Der EZB-Präsident sagte, es sei von außerordentlicher Bedeutung, dass der Anstieg der Verbraucherpreise nicht zu Zweitrundeneffekten führt. Unter Zweitrundeneffekten versteht man, wenn Arbeitnehmer wegen gestiegener Preise Lohnerhöhungen durchsetzen, die wiederum zu Preisdruck führen.
Zum Wirtschaftsausblick in der Euro-Zone sagte Trichet, dass die Risiken weitgehend ausbalanciert seien bei erhöhter Unsicherheit. Abwärtsrisiken bestünden bei einem weiteren Anstieg der Energiepreise.
Die FTD-Zinsumfrage im Mai   Die FTD-Zinsumfrage im Mai
Die EZB steht unter Druck, weil die Inflationsrate im Euro-Raum seit Monaten deutlich über dem Grenzwert von etwas weniger als 2,0 Prozent liegt, an dem die Notenbank ihre Geldpolitik orientiert. Erst am Freitag teilte das EU-Statistikamt Eurostat in einer ersten Schätzung mit, im April habe der Preisanstieg im Vorjahresvergleich bei 2,8 Prozent gelegen - das größte Plus seit Oktober 2008.
Der Druck wird auch dadurch verstärkt, dass Axel Weber kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Amt des Bundesbankpräsidenten für Deutschland, die größte Euro-Volkswirtschaft, sogar Inflationsraten "mit einer Drei vor dem Komma" vorhergesagt hatte. Weidmann machte bei seinem Antritt am Montag deutlich, dass er die Tradition der Bundesbank, sich ausschließlich der Preisstabilität zu verpflichten, fortsetzen werde.
Vergleich der Befragungen   Vergleich der Befragungen
Die große Mehrheit der Ökonomen in der jüngsten EZB-Zinsumfrage rechnet damit, dass die EZB auch nach dem Mai 2012 ihre Zinsen weiter anheben wird. 32 von 40 Volkswirten sind überzeugt, dass selbst Ende 2012 nicht Schluss mit den Erhöhungen sein wird. Einige erwarten jedoch ein deutlich langsameres Tempo der Zinserhöhungen. Nur wenige sehen den Höhepunkt bereits im nächsten Jahr erreicht: Dazu gehört etwa Stefan Schilbe von HSBC Trinkaus, der für Ende 2012 ein Niveau von 2,5 Prozent als ausreichend ansieht. Auffällig war die Vorhersage von John Greenwood von Invesco, der bereits für Ende des nächsten Jahres einen Satz von 3,5 Prozent für realistisch hält.
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  • FTD.de, 05.05.2011
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