Seit Herbst steckt die britische Wirtschaft in der Rezession, auch im Frühjahr dürfte sie Experten zufolge nicht wachsen. Kein Wunder also, dass jeder Lichtblick willkommen ist. Für die Briten sind das die Ende Juli startenden Olympischen Spiele. Mithilfe des Events werde die Ökonomie im dritten Quartal wieder um 0,7 Prozent wachsen, teilte am Donnerstag der britische Wirtschaftsverband CBI mit. Man sei vorsichtig optimistisch, dass sich die konjunkturelle Lage in der zweiten Jahreshälfte wieder bessere, sagte Verbandschef John Cridland.
In ihrer Bewerbung hatten die Verantwortlichen im Jahr 2004 noch betont, dass jeder Wirtschaftsbereich von der Massenveranstaltung profitieren werde. Die Erwartungen waren hoch. Tatsächlich dürften die positiven Effekte der Spiele insgesamt jedoch überschaubar bleiben. Sollten die Kosten an anderer Stelle eingespart werden, steht unterm Strich womöglich sogar ein Minus.
Zwar bestätigen Fachleute, dass bereits die Vorbereitungen auf die Veranstaltung einen positiven Effekt auf das Wachstum hatten. "Der Bau der Sportstätten hat Ende 2011 dafür gesorgt, dass die Wirtschaft nicht noch stärker geschrumpft ist", so Simon Wells, Ökonom bei HSBC. Weil im ersten Quartal 2012 allerdings umso weniger investiert wurde - die Ausgaben am Bau sanken um 3,0 Prozent - rutschte die Wirtschaft wieder in die Rezession: Das BIP verlor zu Jahresbeginn 0,2 Prozent. Auch am Donnerstag gemeldete Einkaufsmanagerumfragen deuten für die Dienstleister auf schwache Geschäfte.
Nach einer stagnierenden Entwicklung im Frühjahr hofft der Lobbyverband CBI dank Olympia zum Frühsommer auf Rückenwind. Richten sollen es die ausgabenfreudigen Besucher aus aller Welt: "Die zusätzlichen Ausgaben der Zuschauer und die höheren Einnahmen durch den Tourismus werden der Wirtschaft einen Schub geben", sagte Peter Dixon, Volkswirt der Commerzbank. Daran glaubt auch Brian Hilliard, Ökonom bei der Großbank Société Générale: "Im dritten Quartal könnte die Wirtschaftsleistung dank des Events rund ein halbes Prozentpunkt höher ausfallen", sagte er. Das Nationale Statistik-amt ONS veranschlagt, dass allein die Ticketverkäufe das BIP im dritten Quartal um 0,1 Punkte steigern.
Optimistisch gibt sich auch das Kreditkartenunternehmen und Olympia-Sponsor Visa, das in einer Studie mit Mehrausgaben von 750 Mio. Pfund während der Spiele rechnet. Dank Zweitrundeneffekten soll das Event die Wirtschaft bis 2015 um zusätzliche 1,37 Mrd. Pfund jährlich wachsen lassen.
Allerdings, so befürchten Kritiker, könnten am Ende sogar die negativen Effekte überwiegen. "Nämlich dann, wenn die für die Spiele investierten 10 Mrd. Pfund an anderer Stelle eingespart werden", sagte Michael Saunders, Volkswirt bei der Citibank. Weil die britische Regierung derzeit kräftig konsolidiert, sei die Gefahr groß, dass es so kommt, glaubt er.