Es gibt nicht viel, was dem 1. FC Köln in den vergangenen Jahren gelungen ist. Aber ein kolossales Talent für Theatralik kann man den Fußballmenschen aus der Metropole am Rhein kaum absprechen. Als der nunmehr fünfte Abstieg des Traditionsvereins am Samstag kurz nach 17 Uhr Konturen annahm, da entrollten die Anhänger ein großes Transparent: "Wir trauern um den 1. FC Köln", war dort zu lesen. Wenige Minuten später stieg dichter schwarzer Rauch aus der Südkurve auf, die Trauer schlug um in Wut. Polizisten versammelten sich am Spielfeldrand, und nachdem das 1:4 gegen den FC Bayern aus Sicherheitsgründen einige Sekunden vor dem Ablauf der 90. Spielminute abgepfiffen wurde, da sprinteten die Spieler fluchtartig in die Kabinen.
Bayern-Stürmer Mario Gomez sollte später von einer "Schande" sprechen. Chaoten stürmten den Rasen, die Polizei versprühte Pfefferspray, es gab Verletzte, und der vernünftige Teil des Publikums applaudierte den Sicherheitskräften. "Das hat viel Symbolkraft gehabt", sagte der gescheiterte Interimstrainer Frank Schaefer angesichts der Weltuntergangsstimmung, und FC-Geschäftsführer Claus Horstmann räumte ein, dass der Klub, "auf dem Platz und zum Teil neben dem Platz die Performance eines Absteigers gezeigt" habe.
Nicht einmal eine würdige Trauerfeier haben sie also hinbekommen nach dieser missratenen Saison, die am Ende so verworren war, dass Schaefer in seinen vier Partien als Retter keine funktionierenden Stellschrauben mehr finden konnte. Nach dem Rücktritt von Präsident Wolfgang Overath im vorigen Herbst, Berichten über Konflikte zwischen Volker Finke und Stale Solbakken, der Entlassung des Sportdirektors im März, dem Trainerrauswurf kurz darauf, nach vielen Geschichten über das komplizierte soziale Gefüge des Teams, Gewaltexzesse einiger Fans und nächtliche Eskapaden von Spielern sei eine "Situation entstanden, dass man nicht einzelne Aspekte herausgreifen darf", sagte Schaefer auf die Frage nach den Ursachen. "Dazu ist die Sache zu komplex." Und sie lässt sich auch nicht mit dem schwierigen Medienstandort erklären. Der gesamte Verein hat auf unterschiedlichen Ebenen versagt.
Das konkrete Ausmaß des Desasters ist noch nicht einmal absehbar. Auf dem Klub lasten 30 Mio. Euro Verbindlichkeiten. Längst wurden Anteile an den Transferrechten der besten Spieler zu Geld gemacht, und die angeblichen 12 Mio. Euro, die der Wechsel des vor dem Spiel unter Tränen verabschiedeten Lukas Podolski zum FC Arsenal in die Kassen spült, können allenfalls zum Teil reinvestiert werden. Denn um die Lizenz für die zweite Liga zu erhalten, sind strenge Auflagen zu erfüllen.
Das sind keine guten Bedingungen für die laufende Suche nach einem neuen Sportdirektor und einem neuen Trainer. "Wir sollten uns jetzt nicht dazu verleiten lassen, schnelle Entscheidungen zu treffen", sagte Horstmann, es werde in den kommenden Tagen "keine Wunderpräsentationen" geben. Das klingt nach Besonnenheit, ist aber auch Indiz dafür, dass die Kandidaten nicht gerade Schlange stehen. Denn nach dieser Saison des angewandten Dilettantismus, angesichts der unerfreulichen wirtschaftlichen Lage und eingedenk eines Kaders, der sich aufgrund von ebenso langfristigen wie teuren Vertragsverhältnissen nur schwer umbauen lässt, ist die Skepsis kompetenter Führungskräfte naturgemäß groß.
Und auf die wird es ankommen vor der anstehenden Zweitligasaison. "Es wird wichtig werden, dass die Mannschaft ein neues Gesicht bekommt", sagte Schaefer, der in einer noch zu definierenden Position am Wiederaufbau des in Trümmern liegenden Vereins mitwirken soll. Immerhin gibt es inzwischen ein neues Präsidium, das allerdings erstaunlich unkritisch mit dem Geschäftsführer Horstmann umgeht.
Er sei keiner, der in schweren Momenten davonläuft, er werde sich "der Verantwortung weiter stellen", sagte der ehemalige Zeitsoldat Horstmann. Das sollte wohl kämpferisch wirken. In Wahrheit ist er aber ein Mann unter Rechtfertigungsdruck. Denn es gibt Menschen in Köln, die meinen, es wäre besser für den Klub, wenn Horstmann, der in leitender Funktion an der Schuldenpolitik, den fatalen Personalentscheidungen und der verheerenden Außendarstellung mitwirkte, nicht nur Verantwortung für die Zukunft übernehmen würde, sondern auch für die Vergangenheit. In der Ära Horstmann wurde viel geträumt von der Rückkehr ins internationale Geschäft. In der Realität hat Horstmann in seinen fast 13 Jahren in Köln vier der insgesamt fünf Abstiege aus der Bundesliga ziemlich aktiv mitgestaltet.