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Merken   Drucken   25.07.2007, 20:22 Schriftgröße: AAA

Agenda: Die Ersten werden die Letzten sein

Nach der Serie von Doping-Geständnissen sollte die diesjährige Tour de France ein Neuanfang sein. Doch längst ist sie ein Debakel: Eine Enthüllung jagt die nächste, Sender und Sponsoren steigen aus. Der Radsport ist nicht sauber zu bekommen. von Sebastian Moll (Col d'Aubisque)
Fünf Kilometer vor dem Gipfel sind nur noch die beiden üblichen Verdächtigen übrig. Im Gleichtritt jagen Michael Rasmussen, mutmaßlicher Blutbeutel-Schmuggler und Alberto Contador, mutmaßlicher Kunde des Dopingarztes Eufemiano Fuentes, den Col d'Aubisque hoch. Es ist der letzte richtig schwere Berg der diesjährigen Tour de France, und nur noch diese beiden Radprofis haben eine realistische Chance auf den Gesamtsieg. Die entscheidenden Minuten ihres Duells sind angebrochen, für kurze Zeit ist alles wie immer. Die Zuschauer bilden enge Gassen vor den Fahrern, weichen erst in letzter Sekunde zurück, überschütten sie mit Getränken, rennen neben ihnen her und beklatschen sie mit riesigen grünen Händen, die ein Sponsor vorher verteilt hat.
Michael Rasmussen breitet bei der Zieleinfahrt jubelnd die Arme aus   Michael Rasmussen breitet bei der Zieleinfahrt jubelnd die Arme aus
Am Teufelslappen, einen Kilometer vor dem Ziel, entscheidet sich der Zweikampf. Rasmussen beschleunigt noch einmal, hängt Contador ab. Es wirkt, als müsse nur der Spanier bergauf treten; Rasmussen radelt ohne erkennbare Qualen nach oben. Als der Däne den weißen Strich überquert, reißt er befreit die Arme hoch. Als habe es all die Verdächtigungen und Skandale der vergangenen Wochen nicht gegeben.
Tatsächlich ist die Tour der France vier Tage vor ihrem Abschluss nur noch eine Farce. Großes hatte man sich vorgenommen. Nach den Geständnissen von ehemaligen Profis wie Bert Dietz, Rolf Aldag, Erik Zabel oder Bjarne Riis sollte die diesjährige Rundfahrt einen Neuanfang markieren. Die Teilnehmer unterschrieben Ehrenerklärungen, die Kontrollen sollten besser, die Tour sauberer werden. Doch kein Eigenschaftswort wird an dem Ereignis stärker haften bleiben als "dopingverseucht". Der Deutsche Patrik Sinkewitz, der Kasache Alexander Winokurow, zuletzt der Italiener Cristian Moreni werden positiv getestet und ausgeschlossen. Rasmussen wird während der Tour aus der dänischen Nationalmannschaft verbannt. Sponsoren und Sender steigen aus. Es ist ein Desaster.
Verdrängungstaktik
Bereits beim Start in London vor drei Wochen ist abzusehen, dass die Rundfahrt die hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllen kann. Tourchef Christian Prudhomme beschwört die Kraft der Tour de France, ihren Mythos und ihre Schönheit. Doch Fahrer und Teammanager üben sich zu Beginn vor allem in Verdrängung: "Nur Fragen zum Sport" ist einer der am häufigsten geäußerten Sätze in diesen Tagen - als würde sich das Problem Doping einfach in Luft auflösen, wenn man es nur verschweigt. Andere, wie der Deutsche Andreas Klöden, ziehen einfach die Mütze tief ins Gesicht und schweigen.
Zunächst scheint die Verdrängungstaktik zu funktionieren. Der Prolog in der Londoner Innenstadt ist ein untypisch strahlender Samstag. Eine Million Menschen kommen an die Prachtstraßen zwischen Trafalgar Square, Buckingham Palace und Hyde Park und veranstalten ein Radsportfest, wie es die Tour nur selten erlebt hat.
Auch die Macher des Sports sind zu diesem Zeitpunkt noch verhalten optimistisch. In der ersten Woche kann T-Mobile-Chef Bob Stapleton bis spät am Abend in einer Etappen-Hotelbar irgendwo in Belgien mit glühender Begeisterung von seinen großen Plänen für den Radsport erzählen. Er habe zwar in den acht Monaten in diesem Business gemerkt, dass die Widerstände gegen Reformen größer seien, als er sich das vorgestellt habe. Aber er ist immer noch guter Dinge, dass sich das Modell T-Mobile mit seiner offensiven Anti-Dopingpolitik, mit seiner Offenheit und freiwilligen Selbstkontrolle durchsetzen werde. Und wenn das erst einmal geschafft sei, dann könne man den Radsport im Nu in eine der modernsten und attraktivsten Sportarten der Welt verwandeln.
Stapletons Optimismus erhält bald Nahrung. Der 24 Jahre junge Linus Gerdemann gewinnt in mitreißender Manier die erste große Alpenetappe. Smart und mediengewandt steht er für den Erfolg des Modells T-Mobile, für Sauberkeit und Hoffnung. Jedem Reporter spricht er ins Mikrofon, dass sein Weg im Radsport der einzig zukunftsträchtige sei.

Teil 2

  • Aus der FTD vom 26.07.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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