Der Blick auf das Hotel und die Trainingsplätze war den Fans versperrt. Eine Woche lang hatte sich Joachim Löw große Mühe gegeben, wenig davon zu verraten, was er derzeit mit der deutschen Nationalmannschaft anstellt. Der Versuch des Bundestrainers, mit seiner hochbegabten, aber seit 1996 titellosen Mannschaft "den nächsten Schritt" zu gehen, spielt sich im Verborgenen ab. Abgesehen vom 3:0-Erfolg gegen den Fußball-Zwerg Färöer, mit dem am Freitag in Hannover die Qualifikation zur WM 2014 begonnen hat, machte sich sein Team rar. Wenig Kontakt zu den Fans, viel Arbeit, kaum Freizeit. Was haben die Löw'schen Stars im beschaulichen Barsinghausen eigentlich außer Fußball gemacht? "Ich habe einen längeren Spaziergang im Wald gemacht und versucht, den einen oder anderen Pilz finden. Aber es hat nicht geklappt", verriet Torjäger Miroslav Klose.
Die Suche nach Pilzen (für Klose) und neuen Erkenntnissen (für Löw) über eine Mannschaft, die nach ihrem Halbfinal-Aus bei der EM einen Sommer der Kritik über sich ergehen lassen musste, wird weitergehen. Der Routinier und der Bundestrainer müssen auf dem Weg zur WM in Brasilien eine Zweckgemeinschaft der besonderen Art bilden. Wie schon beim glanzlosen Erfolg gegen Färöer hat Löw am Dienstag (20.45 Uhr/ARD) beim nächsten Qualifikationsspiel gegen Österreich keine echte Alternative zum bereits 34 Jahre alten Klose. Mario Gomez (FC Bayern München) und Patrick Helmes (VfL Wolfsburg) sind verletzt. Der Rest seines Offensivpersonals zählt zum Kreis der Trickser und Vorbereiter - aber eben nicht zur Gilde der Knipser.
Mehr zu: DFB, Fußball, Joachim Löw, Mesut Özil, Miroslav Klose, Nationalmannschaft
Löw wird das Kunststück vollbringen müssen, innerhalb von zwei Jahren einen Nachwuchsprofi an zentraler Stelle oder ein Spielsystem ohne zentralen Stürmer etablieren zu müssen. Dass Klose im Alter von dann 36 Jahren noch als Galionsfigur im Kampf um einen WM-Titel taugt, wird niemand ernsthaft erwarten. Nicht einmal der Pilzesammler selbst.
Das Bemühen von Löw, seine junge Mannschaft flexibler und angriffslustiger zu machen, findet in Wien seine Fortsetzung. Gegen die Österreicher, aus deren Kader immerhin neun Profis in der Bundesliga unter Vertrag stehen, kommt auch die Hoffnung ins Spiel, dass der Gegner eine taktische Weiterentwicklung des deutschen Teams überhaupt zulässt. Die tapfere, färöische Nationalmannschaft hatte sich in der eigenen Hälfte eingeigelt und nur die Tore von Mario Götze und Mesut Özil zugelassen. Der Wunsch von Löw, dass sein Team den Gegner noch früher attackieren und ständig unter Druck setzen soll, konnte deshalb nicht erfüllt werden.
Dafür hat sich die Erkenntnis verfestigt, dass sie einen erfahrenen Mann wie Klose ganz vorne brauchen werden. Das Manko des deutschen Teams im einseitigen Spiel gegen Färöer war nicht nur die mangelhafte Chancenauswertung. Wer in Mittelfeld und Offensive fast nur noch auf leichtfüßige und spielstarke Vorbereiter setzt, kann schnell aus dem Gleichgewicht geraten. Götze und Özil pflegen einen ähnlichen Stil wie der Dortmunder Marco Reus. Wenn es gut läuft, tricksen sie ihre Gegner wie auf dem Bolzplatz aus. Wenn es schlecht läuft, weil es dem Trio gegen resolutere Gegner am Platz zur Entfaltung fehlt, braucht Löw dringend Alternativen im Angriff oder ein solideres, weil defensiver ausgerichtetes Mittelfeld.
Eine Weile noch wird dem DFB-Team die Klasse, Erfahrung und Gelassenheit von Klose guttun. Der kopfballstarke Mann von Lazio Rom zählt immer noch zu den schnellsten deutschen Nationalspielern. Und im Kreis der Jungen kommt Klose wie ihr von Vernunft geprägter Patenonkel daher. Der Unterschied ist nicht zu übersehen. Wenn Reus den Fußballplatz verlässt und Fragen zur Nationalelf beantworten soll, wirkt er noch verlegen und würde wohl am liebsten sofort seinen großen Kopfhörer aufsetzen. "Der Gegner hat nicht mehr zugelassen", sagte der Dortmunder über das Färöer-Dilemma. Wenn Götze als Nationalspieler den Platz verlässt, trägt er einen noch größeren Kopfhörer als Reus um den Hals und belässt es bei ganz leisen Tönen. "Wir müssen in der einen oder anderen Situation noch konsequenter sein."
Klose wurde deutlicher: Er machte kein Geheimnis daraus, dass es die Nationalelf in Hannover nicht nur versäumt hatte, ihre vielen Chancen zu nutzen. Die Mannschaft hatte es gegen Färöer auch nicht geschafft, neue Begeisterung um ein Ensemble zu schüren, dem beim EM-Aus gegen Italien Ende Juni der nötige Mumm abgesprochen worden war. "Ohne denen wehzutun: Gegen ein Team wie Färöer hast Du einen Schalter im Kopf. Es ist schwer, den umzulegen und 100 Prozent zu geben", gestand Klose. Dieses Bekenntnis war einer der wenigen ehrlichen Einblicke in das Seelenleben einer Mannschaft, deren Künstler an diesem Montag samt Kopfhörer nach Wien fliegen.