Robert Stieglitz steht gerne unter Volldampf. Im Juli ließ er sich während der Vorbereitung auf seinen 45. Profikampf (42 Siege, zwei Niederlagen) von der Harzer Schmalspurbahn auf den Brocken hochziehen. Am höchsten Punkt des ostdeutschen Mittelgebirges, auf 1141 Metern, wühlte er sich durch ein forderndes Sparring. Die spektakuläre PR-Aktion hat dem 31-jährigen Supermittelgewichtsboxer aus Magdeburg zu einer netten Rekordmarke verholfen: Er ist jetzt der Profi, der auf dem höchsten Level in Deutschland trainiert hat.
Diesen Samstag aber gibt es noch viel mehr Prestige zu holen. Insider sprechen mal wieder von einem Kampf des Jahres, wenn der WBO-Champion mit deutsch-russischen Vorfahren in Berlin auf Ex-Weltmeister Arthur Abraham (34 Siege, drei Niederlagen) trifft. Falls die Taktik aufgeht, die er mit seinem gewitzten Trainer Dirk Dzemski verabredet hat, könnte das Kraftausdauer-Phänomen endlich auch berühmt werden. "Wenn ich Arthur besiege", weiß Stieglitz, "kann ich die ganze Popularität auf meine Seite ziehen."
Nicht er, der nun schon drei Jahre lang Weltmeister ist, sondern sein titelloser Pflichtherausforderer steht für das Gros des Publikums vorerst im Mittelpunkt. "Die letzte Chance!", lautet das Motto, mit dem die ARD das Duell der beiden eingebürgerten Deutschen live überträgt. Darin kommt Stieglitz gar nicht vor - alles ist auf "König Arthur" zugeschnitten, der seiner denkwürdigen Saga noch einmal eine Wendung geben will. Als wenn es nur an ihm und der letzten Motivation für seinen Sport läge, ob er es noch einmal an die Spitze zurück schafft.
So beeindruckend er zwischen 2005 und 2009 das Mittelgewicht dominiert hat, so wenig hat Abraham bisher ein Limit höher überzeugen können. Das global inszenierte Super-Six-Turnier hat ihn letztes Jahr als dreifachen Verlierer ausgespuckt; zwei Siege in Aufbaukämpfen haben die Zweifel an dem 1,75 Meter großen Puncher danach nicht ganz vertreiben können. Also geht es für dessen Trainer Ulli Wegner jetzt um alles oder nichts. "Wenn wir Stieglitz nicht besiegen, brauchen wir uns nicht mehr zu unterhalten."
Was wie eine Minimalforderung klingt, könnte sich jedoch als maximale Hürde erweisen. Leise, aber beharrlich hat sich Stieglitz im Magdeburger SES-Stall über elf Jahre zu einem sehr kompletten Boxer entwickelt. Als Außenseiter holte er sich vor drei Jahren gegen den höher eingeschätzten Karoly Balzsay den WBO-Gürtel, um ihn seither sechsmal zu verteidigen. Der 1,80 Meter große Normalausleger ist kein echter Knock-out-König. Er kann seine Schlagfrequenz jedoch bis zum letzten Gong hoch halten und seine Gegner dadurch verschleißen - ein probates Rezept gegen Abraham.
"Ich muss ihn so viel beschäftigen, dass er gar nicht dazu kommt, mich zu schlagen", deutet der Titelverteidiger seine Taktik an. "Ab der sechsten, siebten Runde kommt meine Zeit." Bis dahin gilt es, sich vom schlagstarken Herausforderer keine Keile einzufangen. Noch immer ist Stieglitz' Defensive nicht sehr kompakt - doch Trainer Dzemski spricht lieber von den Schwächen des Gegners: Für ihn ist Abraham "ein übersichtliches Boxpaket".
Es herrscht viel Geschlossenheit in dem Boxstall, mit dem Promoter Ulf Steinforth einen Platz im Konzert der Großen ergattert hat, beharrlich wie sein Vorzeigeboxer. "Robert hat immer Vollgas gegeben", sagt der Selfmademann, "boxerisch kann ihm Abraham nicht das Wasser reichen. Außerdem hat der ooch nur zwee Arme und zwee Beene."