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Merken   Drucken   22.02.2012, 10:00 Schriftgröße: AAA

Champions League: Bayerns Bosse sind nervös

Der FC Basel galt eigentlich als Freilos in der Champions League. Doch nach nur zwei Siegen in fünf Partien zittern die Münchner.
© Bild: 2012 DPA/dpa/Bildfunk/Patrick Seeger
Der FC Basel galt eigentlich als Freilos in der Champions League. Doch nach nur zwei Siegen in fünf Partien zittern die Münchner. von Elisabeth Schlammerl, München
Damals, im Frühjahr 1998, waren die Rollen klar verteilt. Jupp Heynckes trainierte Real Madrid und stand im Halbfinale der Champions League, als ein deutscher Sportstudent wegen eines Praktikums anfragte. Heiko Vogel hieß der junge Mann, und er durfte seinem Landsmann tatsächlich fast einen Monat lang über die Schultern schauen. Er war dabei, als Real ins Finale der europäischen Königsklasse einzog. 14 Jahre später treffen sich die beiden nun wieder, am Mittwoch im Hinspiel des Champions-League-Achtelfinales (20.45 Uhr, Sat 1, Sky) - allerdings auf Augenhöhe.
Für den einen, Vogel, wäre es der größte Erfolg, würde er mit dem FC Basel eine Runde weiterkommen. Für den anderen, Heynckes, eine riesige Blamage - und zumindest eine kleine Katastrophe -, würde er mit dem FC Bayern scheitern. Als dem deutschen Branchenkrösus vor Weihnachten der Schweizer Klub zugelost worden war, herrschte eitel Freude. Natürlich sprach keiner vom Freilos, aber niemand dachte ernsthaft daran, dass der FC Basel zum Stolperstein werden könnte. Jetzt aber, nach nur zwei Siegen in den bisherigen fünf Partien der Bundesligarückrunde, hat sich vor dem ersten Duell ein mulmiges Gefühl eingeschlichen. Die Leistung der Mannschaft ist nicht nur für Sportdirektor Christian Nerlinger "ein ganz großes Rätsel". Und es gibt Indizien, dass es sich nicht nur um eine kurzfristige Formdelle handelt, sondern um eine Krise, die nicht so schnell zu beheben ist. Zumindest scheint Heynckes derzeit keine Idee zu haben, wie seine Mannschaft die Kurve kriegen könnte. Die erhoffte taktisch-psychologische Wirkung von Arjen Robbens Versetzung auf die Bank ist nach einem kleinen zwischenzeitlichen Schub schon wieder verpufft.
Franz Beckenbauer bringt Gladbach-Trainer Favre als ...   Franz Beckenbauer bringt Gladbach-Trainer Favre als Heynckes-Nachfolger ins Gespräch
Der FC Bayern befindet sich in einer ähnlichen Situation wie vor einem Jahr. In der Meisterschaft ist Borussia Dortmund zwar noch nicht ganz so weit enteilt, im vergangenen Februar waren es schon 13 Punkte Abstand, jetzt sind es nur vier, aber auch dieses Mal laufen die Bayern Gefahr, innerhalb von ein paar Wochen alle drei Titel zu verspielen. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge forderte vor dem Abflug in die Schweiz in einer Ansprache an die Mannschaft "eine andere Gangart. Sonst werden wir unsere Ziele in dieser Saison nicht erreichen."
Zum ersten Mal steht Heynckes seit seiner Rückkehr nach München ernsthaft unter Druck. Um seinen Job muss er allerdings nicht bangen, obwohl Franz Beckenbauer zuletzt Lucien Favre als Nachfolger ins Gespräch brachte und damit eine Trainerdiskussion lostrat. Die Kritik von Nerlinger nach dem 0:0 in Freiburg entzündete sich allerdings allein an der Mannschaft. Am Montag wurde Rummenigge bei einer 20-minütigen Sitzung deutlich: "Ich erwarte, dass die Mannschaft in Basel engagiert und motiviert zu Werke geht." Über Heynckes halten die Verantwortlichen die schützende Hand, und sie machen es aus Überzeugung.
Der Coach schien im vergangenen Frühjahr ein guter Kompromiss zu sein, der beste, den die Bayern bekommen konnten. Nach dem Trainerautokraten Louis van Gaal war die freundschaftliche Verbundenheit ein wichtiger Punkt im Anforderungsprofil. Tatsächlich genoss Heynckes bei den Spielern von Anfang an die natürliche Autorität eines Berufsroutiniers. Er beharrte auf Disziplin und gewährte gleichzeitig gewisse Freiheiten. Franck Ribéry und Robben durften zwar wieder intuitiv handeln, bekamen aber Defensivaufgaben, die der eine besser erledigte, der andere schlechter. Das Gefüge wirkte bald stabil, die Balance zwischen Defensive und Offensive stimmte. Außerdem präsentierte sich Heynckes locker und entspannt - er wirkt längst nicht mehr so empfindlich und nachtragend wie bei seinem ersten Engagement in München vor gut 20 Jahren. "In meinem Alter", sagte er kürzlich, "kann man Dinge gelassen sehen." Jedenfalls solange alles gut klappt wie im ersten Saisondrittel.
Aber im Moment läuft einiges schief beim FC Immer-alles-gewinnen-Wollen - und das wird womöglich auch am Harmoniemenschen Heynckes nicht spurlos vorübergehen.
  • Aus der FTD vom 22.02.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
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