Beim FC Chelsea, wie Roberto Di Matteo ihn kennt, erhielten die Fußballer Millionengehälter und mussten kalt duschen. Sie teilten sich das Trainingsgelände an der Sipson Lane in London-Harlington mit einer Schule, und wenn die Kinder zuerst duschten, war oft der Warmwasserboiler erschöpft. Als Chelseas Star Gianfranco Zola einmal besonders lang trainierte, fand er seine Kleidung auf dem Flur wieder. Die Schüler hatten die Umkleidekabine beansprucht. Weltmeister Marcel Desailly brachte die Jugendteamspieler im Ferrari zur U-Bahn. Es waren die 90er-Jahre, und Chelsea wurde als Spitzenteam wiedergeboren. Roberto Di Matteo, elegant im Aussehen, hartnäckig im Mittelfeld, aufgewachsen als Sohn eines italienischen Kranführers im Schweizer Schaffhausen, saß im Frühjahr 1998 in der Kantine, wo es für Schüler und Fußballer Pappsandwichs gab. Dort erzählte er mit leuchtenden Augen von diesem Chelsea.
Dienstagnacht, mit Di Matteo als Trainer, kehrte das Chelsea der kalten Duschen zurück: die bodenständige, solidarische Millionärstruppe. Mit einem unglaublichen Abwehrkraftakt kämpfte sich Chelsea gegen den FC Barcelona, gegen die Mannschaft des Jahrzehnts, ins Champions-League-Finale am 19. Mai in München. "Schreibt uns niemals ab!", rief Verteidiger Gary Cahill.
Gerade Barcelona mit seinem Dogma vom ewigen Passspiel demonstrierte so oft, dass es heute für erfolgreichen Fußball eine bis ins Detail geplante Spielweise braucht. Am Dienstag aber entstand die wohl spektakulärste Partie des Jahres, weil die Eigendynamik des Matches jeden Plan überrollte. Fußball ist der Sport, in dem ein winziger Moment alles auf den Kopf stellen kann. Deshalb bevorzugen professionelle Sportwetter das berechenbarere Basketball. Und deshalb schafft der Fußball so viele unvergessene Spiele, wie es Basketball nie kann: das 2:1 von Manchester United über Bayern München im Champions-League-Finale 1999 mit Uniteds zwei Toren in letzter Minute, Liverpools Sieg nach 0:3-Rückstand gegen Milan von 2005 - oder dieses Halbfinale zwischen Barça und Chelsea.
Nach 37 Minuten hatten die Londoner, die wie beim 1:0-Hinspielsieg nur verteidigten, beide Innenverteidiger verloren: Cahill durch Verletzung, John Terry wegen einer Roten Karte. Nach 43 Minuten führte ein hinreißend spielendes Barça 2:0. Aber dann gelang Chelsea in einem winzigen Moment, bei einem Konter, der nur aus zwei Ballkontakten bestand - Pass Juan Mata, Tor Ramires -, das 2:1. Danach schoss der beste Fußballer der Welt, Barças Leo Messi, einen Elfmeter an die Latte. In jedem einzelnen Augenblick hätte dieses Spiel eine völlig andere Richtung nehmen können. Barcelona kampierte vor und neben Chelseas Strafraum, es hatte 82 Prozent Ballbesitz, vermutlich Weltrekord, es versuchte, über die Flügel Chelseas Abwehr aufzureißen. Messi ließ sich zurückfallen, um Platz zu finden, stürmte wieder vor, aber Chelseas Beine waren überall. Es endete mit dem Tor zum 2:2 durch Fernando Torres - den Stürmer, der doch angeblich nie mehr trifft. So entstand die Überraschung der Saison: Das als abgehalftert geltende Chelsea überwindet mit Barcelona die Mannschaft, die als die beste des Planeten gilt.
Viele haben Chelseas Profis als alte Herren verspottet. "Na ja", sagte Frank Lampard, 33, "bei unseren Spielen gegen Wigan oder West Brom kürzlich hättest du schon denken können, wir seien ein Team, das auf dem Krückstock daherkommt." Aber die Old Boys Lampard und Terry haben nicht nur einen von Hunderten Spielen geschundenen Körper, sondern sie prägen die Elf mit ihrer Erfahrung, ihrem Arbeitsethos und Teamgeist. Chelseas eigentlicher Trainer dieser Saison, der fachlich exzellente André Villas-Boas, blieb immer fremd in diesem Biotop, wo vor Spielbeginn nicht der Coach redet, sondern Musik läuft, wo Lampard und Terry Probleme im Team selbst regeln wollen. Vielleicht ist Di Matteo, der im März wegen des Misserfolgs den Posten übernahm, strategisch nicht auf Villas-Boas' Höhe. Aber er ist taktisch fähig genug und hat den alten Spirit, den Geist der kalten Duschen, reaktiviert.
Als ob sie in einem offiziellen Akt ihr Aus als Champions eingestehen wollten, nahmen Barças Spieler nach dem Abpfiff in Reih und Glied Aufstellung, um Chelsea zu gratulieren. Aber wohl nur die, die Chelsea bereits schon oft abgeschrieben haben, werden nun bei Barça vom Ende einer Ära sprechen. Das Team hat Ideen und Spieler, um weiterhin an den meisten Tagen die beste Elf unserer Zeit zu sein. Die knapp 100.000 Zuschauer standen auf, um Barças Spielern für all die tollen Momente zu danken. Wie der Applaus schmerzte! Messi, der eine grandiose Saison und im entscheidenden Moment zwei schlechte Partien gegen Madrid und Chelsea gespielt hatte, bekam feuchte Augen. Chelseas alte Jungs hätten es ihm sagen können: Nur die Mittelmäßigen sind immer in Bestform.