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Merken   Drucken   16.08.2012, 21:15 Schriftgröße: AAA

Deutschland - Argentinien: Weitreichendes Gerangel

1:3 verliert Joachim Löws Team den Freundschaftskick gegen Argentinien, zeigt einige Unsicherheiten - und ärgert Oliver Kahn. Löw solle sich mal grundsätzlich Gedanken machen.
von Frank Hellmann, Frankfurt

Es war bereits kurz vor Mitternacht, als vor dem Kabinentrakt im Frankfurter Stadion die ersten Barrikaden stürzten und die Ordner in ihren grellgelben Warnwesten ihren letzten Widerstand aufgaben. Immer dichter drängelte sich die Medienmeute um den ohnehin längst umzingelten Lionel Messi. Bewundernswert, dass dieser filigrane Feingeist in dem beängstigenden Dickicht von Kameras, Mikrofonen, Aufnahmegeräten und Handys keine Platzangst verspürte, offensichtlich hat sich der argentinische Ausnahmekönner an solche Ausnahmezustände längst gewöhnt.

Irgendwie hat er sich auch aus dieser ausweglosen Situation auf wundersame Weise befreien können; statt einer einfachen Körpertäuschung haben simple Sätze nach dem 3:1 beim Angstgegner genügt. "Deutschland ist eine Weltmacht, aber wir sind auf einem guten Weg." Eben auch, weil sich Messi irgendwann zu einer aktiven Teilnahme an diesem Freundschaftskick entschieden hatte.

Torwart Ron-Robert Zieler wurde wegen einer Notbremse für ein ...   Torwart Ron-Robert Zieler wurde wegen einer Notbremse für ein Testspiel gesperrt

Wegen des Megastars war am Ende oft ein Raunen durch die Arena gegangen, doch für die scharfzüngigen Töne sorgte hinterher der Verlierer selbst. Joachim Löw hat sich nämlich später nicht mit den raffinierten Finten des Weltfußballers, sondern mit den verbalen Attacken eines ehemaligen Welttorhüters befassen müssen. "Wir haben defensiv einfach große Probleme", hatte Fernsehexperte Oliver Kahn genörgelt. Und: "Der Bundestrainer muss sich mal grundsätzlich Gedanken machen - Spielphilosophie hin oder her."

Der ehemalige Nationaltorwart versteht sich als Bewahrer der defensiven Ideale, was naturgemäß mit einem Liebhaber des offensiven Stils wie Löw zu Konflikten führt. Der 52-Jährige hatte zwar selbst gesehen, wie Nachlässigkeit (Eigentor Sami Khediras), Unerfahrenheit (Platzverweis Ron-Robert Zielers), aber auch Schusseligkeit (Gegentore von Messi und Ángel Di María zum 0:2 und 0:3) in die nächste Niederlage mündeten, aber solch eine Schelte wollte und konnte Löw nicht zulassen - hatte nicht die Kundschaft im Frankfurter Stadtwald Applaus für den unterhaltsamen Abend gespendet?


Erstmals seit 104 Jahren
Torwart Für Ron-Robert Zieler war es das zweite Länderspiel - und dann gegen Argentinien! Viel zu tun bekam der Torhüter von Hannover 96 in der ersten halben Stunde nicht. Als er zum ersten Mal beherzt eingreifen musste, war das auch schon seine letzte Aktion. Zieler, von der Abwehr allein gelassen, warf sich dem auf ihn zustürmenden José Sosa entgegen - und holte ihn von den Beinen. Rote Karte - den fälligen Elfmeter verschoss Lionel Messi gegen Ersatzkeeper Mar-André ter Stegen. "Fußball kann manchmal grausam sein", sagte Zieler, "es war ein bitterer Abend."
Historie In der 104-jährigen Geschichte der deutschen Nationalmannschaft war dies der erste Platzverweis für einen Torwart.

"Ich teile seine Meinung nur bedingt", sagte Löw in Kahns Richtung also trotzig, um dann denselben barschen Tonfall wie bei seinem Monolog vom Montag anzuschlagen: "Wenn uns einer vorwirft, bei uns haben zehn Prozent Willen gefehlt, sehe ich das nicht so. Wer kann das beurteilen? Es gab keinen Spieler, der nicht alles gegeben hat." Manche sind dabei etwas übers Ziel hinausgeschossen wie Zieler mit seiner Notbremse gegen den ehemaligen Bayern-Profi José Sosa. Oder der taktisch falsch angewiesene Mittelfeldregisseur Khedira, der bei Real Madrid von seinem Trainer José Mourinho wohlweislich von ausgedehnten Ausflügen in die gegnerische Hälfte abgehalten wird.

Der beim ZDF längst nicht mehr unumstrittene Kahn hatte mal wieder so populistisch die Einstellung bemängelt ("Wir bekommen wieder drei Stück. Und da stellen sich die Jungs hin und sagen: ,Ja, was soll's? Morgen geht's weiter.‘ Da muss ich mich doch auch mal ärgern!"), dass ihn sein ehemaliger Mitspieler Oliver Bierhoff hernach an seine Regungslosigkeit nach dem fatalen Fehlgriff im WM-Finale 2002 erinnerte. Kahn empfand diese Einlassung als niveaulos. Die Missstimmung im Umfeld verriet, wie sehr das Aus im EM-Halbfinale das schwarz-rot-goldene Selbstwertgefühl gekränkt hat; plötzlich genügen wieder Kleinigkeiten, um die gesamte Statik zu zerstören.

Gleichwohl: Wenn der mit der Erfahrung aus 86 Länderspielen gesegnete Kahn insistiert, dass generell deutsche Gegner zu ziemlich vielen Torchancen kämen, weil beispielsweise ein Khedira zu offensiv agiere, dann hat das zumindest für dieses Länderspiel gegolten. "Die Argentinier hätten ein Tor nach dem anderen schießen können." Löw setzte in seiner Analyse anders an: "Wir selbst hatten genug Chancen. Wie schon bei der EM war unsere Chancenauswertung nicht optimal." Auch der zum Fußballer des Jahres gekürte Marco Reus landete mit seinen gefährlichen Distanzschüssen keinen Treffer. Löw hatte kürzlich vorgerechnet, dass noch bei der WM 2010 fünf Versuche für einen Treffer genügt hätten; bei der EM mussten schon neun Möglichkeiten für einen zählbaren Erfolg her. Titelverdächtig klang diese Statistik nicht. Doch was versprach Löw am Ende eben auch: "Einiges müssen wir besser machen. Daran werden wir arbeiten."

Es dauert nur drei Wochen, dann versammelt sich die deutsche Auswahl mitsamt des am Spieltag erstmals Vater gewordenen Kapitäns Philipp Lahm und vielleicht mit einem genesenen Bastian Schweinsteiger im niedersächsischen Barsinghausen, um sich für die ersten Aufgaben in der Qualifikation für die WM 2014 in Brasilien vorzubereiten. Vor dem Prestigeduell in Wien gegen Österreich (11. September) steht zuerst der Pflichttermin gegen die Färöer-Inseln in Hannover (7. September) an. Dieser Gegner gibt eigentlich die Garantie, jede messi-ähnliche Aufregung vorher und nachher auszuschließen.

  • Aus der FTD vom 17.08.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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Die Ergebnisse
der 1. Bundesliga
Hamburger SV-1899 Hoffenheim2:0(1:0)
Borussia Dortmund-VfL Wolfsburg2:3(1:2)
VfB Stuttgart-FC Schalke 043:1(2:1)
1. FC Nürnberg-Fortuna Düsseldorf2:0(1:0)
SC Freiburg-SpVgg Greuther Fürth1:0(1:0)
FC Augsburg-Bayern München0:2(0:1)
Eintracht Frankfurt-Werder Bremen4:1(0:0)
Bor. Mönchengladbach-FSV Mainz 05-:-
Hannover 96-Bayer Leverkusen-:-
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