FTD.de » Sport » "Wir dürfen von mehr träumen"

Merken   Drucken   21.12.2011, 10:00 Schriftgröße: AAA

DFB-Pokal: "Wir dürfen von mehr träumen"

Viertligist Holstein Kiel hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Der Lohn ist ein DFB-Pokalspiel gegen Mainz. Die Störche sind zuversichtlich. von Erik Eggers, Kiel
Ein grüner Wimpel ziert das Büro von Wolfgang Schwenke. "Deutscher Fußballmeister 1912" ist daraufgestickt, eine Erinnerung an den größten Erfolg der Kieler Sportvereinigung Holstein von 1900, kurz Holstein Kiel. Schwenke kennt das Gefühl eines solchen Triumphs, er war als Profi fünfmal Handballmeister mit dem THW Kiel. In seiner heutigen Funktion als kaufmännischer Geschäftsführer Holstein Kiels möchte der 43-Jährige nicht mal von Titeln träumen. Denn sein Klub spielt in der vierten Liga.
Allein im DFB-Pokal ist eine kurze Flucht aus dem Alltag genehmigt. Vor dem Achtelfinalspiel Holstein Kiels gegen Mainz 05 (19 Uhr, Sky) sagt Schwenke: "Wir dürfen von mehr träumen." Seit 2001 hat zwar kein Viertligist mehr den Einzug unter die letzten Acht des Pokalwettbewerbs geschafft. Doch in Kiel ist man zuversichtlich. Die souveränen Siege gegen die Zweitligisten Energie Cottbus (3:0) und MSV Duisburg (2:0) stärkten das Selbstbewusstsein der "Störche", die hinter dem von Red Bull gemästeten RB Leipzig auf Platz zwei der Regionalliga Nord liegen.
Schwenkes Zurückhaltung hat mit der jüngeren Vergangenheit zu tun. Denn als der Klub 2009 den Ex-Bundesligatrainer Falko Götz verpflichtete, da setzte sich Holstein-Präsident Roland Reime den Aufstieg in die Zweite Bundesliga zum Ziel - und zwar für spätestens 2012, zum 100. Jubiläum der Meisterschaft.
In der zweiten DFB-Pokal-Runde gewann Holstein Kiel im ...   In der zweiten DFB-Pokal-Runde gewann Holstein Kiel im Holsteinstadion gegen den MSV Duisburg
Die Idee, mit großen Namen und viel Geld den Aufstieg zu erzwingen, scheiterte grandios. Am Ende stand ein spektakulärer Prozess vor dem Arbeitsgericht Kiel. Götz hatte gegen seine fristlose Kündigung geklagt, die der Klub ausgesprochen hatte, weil der Trainer einem Spieler nach einer Niederlage ins Gesicht geschlagen haben soll. Götz verlor den Prozess und damit eine satte Abfindung. Heute trainiert er in Vietnam.
Auch der Nachfolger trug einen bekannten Namen: Christian Wück, ein Ex-Profi. Doch er konnte den Niedergang, den Götz und Assistent Andreas Thom eingeleitet hatten, ebenfalls nicht aufhalten. Im Sommer 2010 stieg Holstein Kiel aus der 3. Liga, die doch nur Zwischenstation sein sollte, in die Regionalliga ab. Und das, obwohl mit den Besitzern der Warenhäuser Famila und Citti zwei der reichsten Familien Schleswig-Holsteins enorme Summen in den Klub gesteckt hatten.
Daher ist die Infrastruktur, die der Verein in den letzten Jahren aufgebaut hat, sehr professionell. Es gibt eine brandneue Geschäftsstelle, eine Trainingshalle, akkurat gepflegte Kunstrasenplätze, perfekt ausgestattete Räume für das Krafttraining und die Physiotherapie. Schwenker wirft einen stolzen Blick nach draußen: "Da hinten, etwas versteckt, sind drei weitere kleine Plätze", sagt er, "wir arbeiten hier auf viereinhalb Hektar."
Elementarer Teil seines Konzepts ist die Besetzung des Trainerpostens. Auf die große Fußballwelt verzichteten die Holstein-Verantwortlichen nach der Katastrophe mit Götz. Sie übertrugen die Verantwortung stattdessen Thorsten Gutzeit, 45, der zwar keine Trainerstationen wie Hertha BSC vorweisen konnte, aber als U19- und U23-Coach die Jugend des Klubs bestens kannte.
Gutzeit, weiß Schwenke, "ist zwar nicht so der große Name". Aber er sei ehrgeizig, fleißig und lernfähig. Der Trainer selbst macht einen lässigen Eindruck: "Ich habe einfach in das Anforderungsprofil gepasst, als der Neuaufbau mit dem Ziel einer größeren Verankerung in der Region und der Ausbildung von jungen Talenten gestartet wurde." Andererseits macht Gutzeit sich keine Illusionen darüber, dass der Klub spätestens 2013 aufsteigen will.
Das Understatement des Trainers gefällt auch dem sportlichen Leiter, Andreas Bornemann. "Fußball ist harte Arbeit, nicht Gerede", sagt der 40-Jährige, der einst beim SC Freiburg und bei Alemannia Aachen tätig war. "Es freut mich, wenn wir inzwischen als geerdet angesehen werden. Ich rede nicht über die zweite Liga. Wir reden darüber, was greifbar ist, und das ist womöglich der Aufstieg in die 3. Liga." Und am Mittwoch vielleicht der Einzug ins Viertelfinale des DFB-Pokals.
  • Aus der FTD vom 21.12.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  

Den Parameter für die jeweilige Rubrik anpassen: @videoList
Schlagzeilen
FUSSBALL

mehr Fussball

MOTORSPORT

mehr Motorsport

RADSPORT

mehr Radsport

TENNIS

mehr Tennis

SPORTMIX

mehr Sportmix

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote