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Merken   Drucken   28.09.2005, 14:19 Schriftgröße: AAA

Ein Bild von einem Mann  

Pünktlich zum 100. Geburtstag von Max Schmeling versucht Luan Krasniqi aus Rottweil, zweiter deutscher Schwergewichts-Weltmeister zu werden. Titelträger Lamon Brewster vertraut nicht nur auf seine Fäuste, sondern auch auf Gott und seinen extrovertierten Promoter Don King von Bertram Job
Boxheld in Unterhose: Luan Krasniqi macht eine gute Figur   Boxheld in Unterhose: Luan Krasniqi macht eine gute Figur
Man hätte erwarten können, dass der Mann an diesem Morgen mal die Bretterbirne singen lässt, braddadda, braddadam. Oder dass er zur Freude der Fotografen die eine oder andere Delle in den Sandsack haut, tumm, tumm! Was Berufsboxer eben so machen, wenn sie Journalisten in ihr Gym einladen. Luan Krasniqi aber hat dafür offenbar keinen Nerv. Endlich sind sie alle einmal nach Rottweil gekommen, in die beschauliche Kleinstadt zwischen schwäbischer Alb und Schwarzwald; endlich ein Heimspiel. Da wickelt Krasniqi lieber seine Zuhörer als die großen Hände ein und ficht stattdessen flink mit der Zunge - fast zwei Stunden lang.
Es war also mal ein halbwüchsiger Junge aus dem Kosovo, der beim TSV Rottweil beinahe Zehnkämpfer geworden wäre. Doch die Spikes, die er dazu gebraucht hätte, waren mit fast 300 DM so gut wie unerschwinglich. Also wechselte das jüngste von acht Zuwandererkindern in den örtlichen Boxverein, wo er die ersten Stiefel geschenkt bekam, und arbeitete sich in wenigen Jahren bis ins Trikot der deutschen Nationalstaffel hinauf. Darin gewann er 1996 in Atlanta die Bronzemedaille und wurde bald danach Profi, um sich nun, nach 30 Kämpfen (28 Siege, 1 Unentschieden), um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht zu bewerben. Heute, zu Max Schmelings 100.Geburtstag, fordert der 1,92 Meter große Normalausleger in Hamburg den amerikanischen WBO-Champion Lamon Brewster heraus.
Geheimtipp aus dem Vorprogramm
Ganz so glatt waren die Dinge natürlich auch bei ihm nicht aufeinander gefolgt. Das ist wohl auch der Grund, weshalb Krasniqi an diesem Morgen die ganze Zeit im Stakkato erzählt, als habe schon jetzt irgendjemand die Glocke geläutet - oder als wüsste er nicht, wann die nächste Gelegenheit dazu kommt, sein Leben öffentlich auszubreiten.
Acht Jahre lang hat Krasniqi hier in dieser umfunktionierten Industriehalle bereits vor sich hin geschwitzt. Außer ein paar Insidern aber schaute bis vor kurzem keiner vorbei. Meist waren andere im Vordergrund, namentlich die Brüder Klitschko, während er der Geheimtipp aus dem Vorprogramm blieb. Plötzlich aber dreht sich die große Boxwelt um ihn. Denn Krasniqi eröffnet sich zu historischer Stunde eine historische Chance: Er kann der erste deutsche Schwergewichtler nach Schmeling werden, der den Titel in der Königsklasse holt.
"Ich will niemand beerben"
"Es ist meine Verneigung vor ihm, dass ich an diesem Tag in Hamburg boxe", sagt Krasniqi, der die Box-Ikone vor zwei Jahren zum ersten und letzten Mal traf. Alle bemühten Parallelen mit dem im Februar verstorbenen Sportidol werden dagegen "langsam eine Last", findet Krasniqi. Krasniqi dementiert auch, "dass ich Schmeling beerben möchte. Ich will niemand beerben. Ich möchte meine eigenen Spuren hinterlassen." Außerdem ist das Duell mit dem amtierenden Champion Brewster alles andere als schon gewonnen.
Im Gegenteil: Für manche, die seine Karriere verfolgt haben, ist Krasniqi nicht einmal Favorit. Den ganz großen Erfolg bei den Profis hat man Krasniqi trotz mächtiger Schlagkraft und großen Bewegungstalents selten zugetraut. Selbst ein Sieg über Wladimir Klitschko, den Krasniqi 1995 auf seinem Weg zur Vize-Weltmeisterschaft der Amateure auspunktete, konnte nicht alle überzeugen. Er reagiere unter Druck zu sensibel, hieß es oft, und sei noch dazu äußerst eigensinnig. So schloss er 1997 nicht mit dem deutschen Großpromoter Klaus-Peter Kohl ab, obwohl der ihn schon seit Jahren verdeckt förderte, sondern mit dem Briten Panos Eliades - der hatte ihm den lukrativeren Vertrag angeboten.
Von nun an tingelte der Außenseiter zwischen London und Las Vegas, wann immer Eliades einen billigen Vorkämpfer brauchte - oder sein Champion Lennox Lewis einen rüttelfesten Sparringspartner. Im Zweikampf mit dem Branchenriesen zog Krasniqi sich zwar manches mal Kopfweh zu, "aber am Boden hatte er mich nie - auch nicht, wenn er es unbedingt wollte" . Schon damals attestierte Lewis' Starcoach Emanuel Steward dem ehrgeizigen Trainingspartner "eine fantastische Hand-Auge-und-Fuß-Koordination". Und Weltmeister Lewis prophezeite: "Er hat alle Voraussetzungen, um ein ganz großer Boxer zu werden."
Chance kläglich vergeben
Mit gehöriger Verspätung stößt er 2000 doch noch zu Kohls Boxstall Universum, wo er sich wieder hinten anstellen muss. Noch geht es in Hamburg um die Klitschkos. Als Vitali zu einem Kampftag in Dortmund wegen Krankheit ausfällt, wird Krasniqi im Sommer 2002 zufällig zum Hauptkämpfer - und vergibt kläglich seine Chance. Im EM-Kampf mit dem Polen Przemyslaw Saleta steigt er vor Millionen entgeisterter TV-Zuschauer entkräftet nach der achten Runde aus. Was er danach im Hamburger Gym erlebt, nennt man in weniger rauen Kreisen Mobbing. Wochenlang wird der Verlierer "Frau Krasniqi" genannt; irgend jemand stellt ihm Frauenlatschen vor die Dusche.
Krasniqi erkämpfte sich durch eine Siegesserie und einen erfolgreichen Rückkampf gegen Saleta schrittweise die Achtung zurück. "Meine Ehre war schon etwas angegriffen", sagt er heute - und will die Schlappe doch nicht missen. Dazu haben ihre Erfahrungen beim Umgang mit den vielen Claqueuren der Branche geholfen.
Wer ihm etwas zugetraut hat und wer nicht - darüber hat Krasniqi in seinem Herzen eine unlöschbare Datei angelegt. Noch immer nimmt er keine Gespräche an, wenn ein bestimmter Mitarbeiter von Universum ihn zu erreichen versucht - weil der einmal äußerte, er fräße einen Besen, wenn aus Krasniqi noch ein Champion würde. Am liebsten aber reibt sich der Titelaspirant an seinem Promoter Klaus-Peter Kohl. Für den ist er so lange nur zweite Wahl gewesen, dass er sich nun mit besonders harten Verhandlungen über die Kampfbörsen rächt. Bis kurz vor dem ersten Gong, wird kolportiert, streiten die beiden sich noch lebhaft über die Zahlen im Vertrag. Von Geld versteht der Boxprofi mit Abitur, der in Aktien investiert, eine ganze Menge.
"Holen Sie mir den Brewster", hatte Krasniqi den Promoter beschworen, als der Amerikaner 2004 durch ein K. o. über Wladimir Klitschko Titelträger wurde - "den erledige ich in drei, vier Runden!"
  • FTD.de, 28.09.2005
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