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Merken   Drucken   01.05.2011, 18:32 Schriftgröße: AAA

Eintracht im Abstiegskampf: Magier Daum hat sich selbst entzaubert

Als "Dampfplauderer" war Frankfurts Trainer zuletzt verschrien - und tut auch beim Spiel gegen Mainz nichts, um das zu ändern. Nach der 0:3 Niederlage gibt er sich ungewohnt kleinlaut.
© Bild: 2011 dpa
Als "Dampfplauderer" war Frankfurts Trainer zuletzt verschrien - und tut auch beim Spiel gegen Mainz nichts, um das zu ändern. Nach der 0:3 Niederlage gibt er sich ungewohnt kleinlaut. von Tobias Schächter, Mainz
Es gibt Märchen und es gibt Horrorgeschichten, im Sport tragen sie sich manchmal zur selben Zeit am selben Ort zu - wie am Samstag im Mainzer Stadion am Bruchweg. Mainz 05 hatte Eintracht Frankfurt mit 3:0 gedemütigt und sich damit der Erfüllung seiner kühnsten Träume entscheidend genähert: der Teilnahme an der Europa League. Selbst 05-Manager Christian Heidel kletterte nach dem Triumph auf den Zaun vor der Fankurve, das hatte er zuvor nur einmal in seiner über zwei Jahrzehnte dauernden Amtszeit gemacht. "Das war ein Mainzer Wochenende", frohlockte Heidel auch deshalb, weil der ehemalige Mainzer Trainer Jürgen Klopp mit Borussia Dortmund die Deutsche Meisterschaft feiern durfte. Später hat ihm der Dortmunder Vereinsboss Hans-Joachim Watzke zum Erfolg gratuliert. "Der ruft mich an, das muss man sich mal vorstellen", erzählte Heidel. Er fand das nicht märchenhaft, aber "geil".
Die Mainzer liegen zwei Runden vor Saisonschluss fünf Punkte vor Nürnberg. "Die Tür steht offen zur Europa League, wir müssen jetzt noch durchgehen", sagte 05-Trainer Thomas Tuchel. Seine Mannschaft hatte ein Tempo vorgelegt, das die Eintracht schlicht überforderte. Das Ergebnis nach Toren von Andreas Ivanschitz und zweimal Elkin Soto war noch schmeichelhaft für die Frankfurter. Viele Eintracht-Anhänger verließen schon zur Pause das Stadion, einige randalierten am Samstagabend vor der Arena in Frankfurt. "Deprimierend" sei der Leistungsunterschied gewesen, klagte Heribert Bruchhagen, Vorstandschef der Eintracht.
Frankfurts Innenverteidiger Marco Russ: "Wenn wir so ...   Frankfurts Innenverteidiger Marco Russ: "Wenn wir so weitermachen, steigen wir direkt ab"
Was Bruchhagen und sein Klub derzeit erleben, ist ein Albtraum Noch im Winter wähnte sich die Mannschaft schon im Europapokal. In der Rückrunde aber gewann Eintracht bislang nur ein Spiel, 2:1 gegen St. Pauli am 27. Spieltag. Kurioserweise wurde danach Trainer Michael Skibbe entlassen. Die Verzweiflung war riesig und die Hoffnung groß, mit dem lauten Christoph Daum als Nachfolger des eher leisen Skibbe einer verunsicherten Mannschaft neue Energie zu geben.
Doch jetzt erklärte Marco Russ bitter: "Wir sind ganz unten angekommen." Der Frankfurter Verteidiger fügte hinzu: "Wenn wir so weitermachen, brauchen wir uns keine Gedanken mehr zu machen - dann steigen wir direkt ab." Unter Daum hat Eintracht in fünf Spielen nur drei Punkte geholt und ist auf Platz 16 gestürzt - der berechtigt nur zum Relegationsspiel. Gladbach als Vorletzter ist nur noch zwei Zähler entfernt und besitzt nun im Heimspiel gegen Freiburg und auswärts beim auseinanderfallenden HSV die realistische Chance, noch sechs Punkte zu holen. "Die Ergebnisse der anderen", erklärte Bruchhagen leise, "sind dramatisch für uns."
Daum wirkt hilflos. In Frankfurter Medien wurde der Trainer zuletzt als "Dampfplauderer" und "selbst ernannter Spitzenpsychologe" verhöhnt. Das hat ihn geärgert, doch viele Argumente für sich hat er nicht gesammelt - prekärer als nach dem Debakel in Mainz war die Lage nie. Im Endspurt fehlen wichtige Spieler wie Chris, Maik Franz und Georgios Tzavellas verletzt - und seit Samstag auch der junge Hoffnungsträger Sebastian Rode, der wegen einer Notbremse gegen den Mainzer Florian Heller die Rote Karte gesehen hatte. Stürmer Theofanis Gekas schießt keine Tore mehr und schadet der Mannschaft mehr, als er ihr hilft. Spieler, die die gute Vorrunde geprägt hatten - Pirmin Schwegler, Patrick Ochs oder Alexander Meier - haben ihr Selbstvertrauen verloren. Sie alle wirken, als könnten sie nicht glauben, was mit ihnen geschieht. Im nächsten Heimspiel erwartet die Eintracht den 1. FC Köln. Ausgerechnet. Daum, der stets den Eindruck erweckt, zu Höherem berufen zu sein, hatte den FC ja verlassen, weil er dort keine Chance sah, Titel zu holen. Jetzt kämpft er mit Frankfurt um den Klassenerhalt.
Daum erklärte zu seinem Amtsantritt, er sei kein Feuerwehrmann, sondern ein Konzepttrainer. Zumindest Ersteres hat sich bislang bestätigt. Er hofft, der Auftritt in Mainz könne wie ein "heilsamer Schock" wirken. Kleinlaut gab er zu, dass seine Mannschaft an die Wand gespielt worden sei. "Purer Überlebenskampf" sei nun angesagt und "intern harte Worte". Ob sich beide Parteien - Christoph Daum und Eintracht Frankfurt - mit ihrer Liaison einen Gefallen getan haben? Die Stimmung ist äußerst gereizt: Eintracht Frankfurt hat nach den Ausschreitungen im Anschluss an das Derby in Mainz die für Sonntag und Montag angesetzten Trainingseinheiten aus Sicherheitsgründen abgesagt. "Die Polizei und unser Sicherheitsdienst haben empfohlen, kein Training durchzuführen", sagte Eintracht-Sprecher Carsten Knoop. Daum hat akzeptiert und sucht jetzt nach Ausweichplätzen, irgendwo.
  • Aus der FTD vom 02.05.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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