Die Bundesliga brummt, sie bebt - und sie wirft immer mehr Geld ab. Jedes Jahr feiert die Deutsche Fußball Liga (DFL) neue Umsatzrekorde, neue Zuschauerrekorde, und zuletzt auch einen neuen Rekord beim Verkauf der Fernsehrechte. Antriebsstoff dieser Entwicklung ist die emotionale Überhöhung dieses Sports und seiner deutschen Top-Liga. Gerne wird der frühere Liverpool-Trainer Bill Shankly zitiert: "Es gibt Leute, die denken Fußball ist eine Frage von Leben und Tod. Ich kann ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist." Spätestens jetzt, nach den Vorfällen von Düsseldorf, hat sich gezeigt: Die Botschaft ist angekommen. Wenn auch anders als erhofft. Um Shankly mit Goethes Zauberlehrling zu kontern: "Die ich rief, die Geister, werd' ich nun nicht los."
Die DFL, die einzelnen Klubs und das Fernsehen vermarkten den Bundesliga-Fußball als Hort der ganz großen Gefühle. Taktische Finessen, gelungene Spielzüge - alles nicht so wichtig. Stattdessen exzentrisch jubelnde Spieler und ekstatische Fans, deprimierte Kicker und weinende Zuschauer, die Kameras gehen immer ganz nah ran. Diese Vermarktungsmasche hat eine Perfektion erreicht, um die das Ausland uns schon beneidet. Bei ihrer Berichterstattung über deutschen Fußball zeigt auch das englische Fernsehen gerne solche Bilder, und aus dem Off röhrt der Kommentator: "This is pure emotion! This is the Bundesliga!"
Erstaunlicherweise erwarten Verband und Vereine in Deutschland, dass ihr Publikum bei aller emotionalen Aufwallung selbst wichtige Entscheidungen wie die über Auf- oder Abstieg ihres Klubs so gelassen betrachtet wie Zoobesucher ein neues Elefantenbaby. Das kann auf Dauer nicht funktionieren, und wir wissen jetzt, es funktioniert auch nicht. Eine Ersatzdroge, die der Fußball ja sein soll, ist immer noch eine Droge.
Fußball-Deutschland sollte sich schnellstens entgiften, runterkommen von diesem Trip. Sonst ist es bald vorbei mit der Erfolgsgeschichte Bundesliga. Dieses Milliarden-Unternehmen hat längst mehr als nur ein paar Kratzer abbekommen. Die jetzt beginnende Sommerpause sollte genutzt werden: zum Innehalten und Nachdenken mit kühlem Kopf. Zum klar werden darüber, was Fans sind und was Kunden - und wie dieser Unterschied überwunden werden kann. Dass die Entladung des Gefühlsstaus auf den Stadionrängen nur mit noch mehr Sicherheitskräften zu bewältigen sei, reicht als Strategie nicht aus. In der Düsseldorfer Arena fehlte es nicht an Polizisten.