Die letzte halbe Stunde des Champions-League-Spiels Dortmund gegen Manchester City habe Dortmunds Trainer nur noch entzückt gegrinst, schrieb der "Guardian" spöttisch - "wie alle unparteiischen Zuschauer ebenfalls". Aus dem Spielbericht der Zeitung sprach Neid auf Klopps Team, das zu dem Zeitpunkt ja bereits mit 1:0 gegen den englischen Meister führte - mit einer B-Elf. Natürlich hätte Klopp seine Zufriedenheit nicht so demonstrativ für die TV-Kameras zur Schau tragen müssen; natürlich hätte er sogar Mitleid bezeugen können für das erneute Vorrundenaus der englischen Edeltruppe. Aber warum sollte er?
Trotz der Scheichmillionen war Dortmund in beiden Vorrundenbegegnungen Manchester überlegen, folglich ist der BVB Gruppenerster, Manchester City Gruppenletzter. Aber auch Schalke 04 konnte seine Champions-League-Gruppe gewinnen, und mit Bayern München steht auch der dritte deutsche Teilnehmer bereits für das Achtelfinale fest. Die Abschlusskonstellation in Dortmunds Gruppe D steht sinnbildhaft für den Wandel im europäischen Vereinsfußball. Die Bundesliga hat aufgeholt, das ist der Fakt - Klopps Grinsen ist der Kommentar dazu.
Noch vor wenigen Jahren schien die Uefa-Fünf-Jahres-Wertung, mit der der europäische Fußballverband die Rangliste der nationalen Ligen festhält, wie eingefroren: Die Bundesliga lag abgeschlagen auf Rang vier hinter der italienischen Serie A, der spanischen Primera Division und der englischen Premier League. Ein Vorbeikommen schien unmöglich. Doch im vergangenen Jahr ist der Bundesliga tatsächlich der Sprung auf Platz drei gelungen.
Die Liga hat zum siebten Mal in Folge neue Rekordumsätze erwirtschaftet. Die durchschnittliche Zuschauerzahl liegt bei über 42.000. Die DFL schreibt vom "höchsten Zuschauerschnitt der Welt". England verzeichnet 35.000 Stadionbesucher, Spanien lediglich 28.000, Italien gar nur 24.000. Doch abseits der Fakten ist der gefühlte Sprung nach vorn, ist die Anerkennung für den deutschen Fußball noch weitaus größer, wie Beobachtungen von außen beweisen.
Seit einiger Zeit überträgt der Sportsender ESPN in England jede Woche zwei Bundesligapartien live. Das Interesse auf der Insel ist groß: Es vergeht kaum ein Tag, an dem eine englische Zeitung mal keinen Bundesligaspieler mit einem englischen Verein explizit in Verbindung bringt. Die neuesten Gerüchte: Laut "Daily Mail" soll der FC Liverpool an Hannovers Ron-Robert Zieler interessiert sein, und der "Daily Mirror" weiß von einem Interesse des FC Chelsea an André Schürrle. Und neidisch ist die englische Fanszene nicht nur auf den Erfolg von Klubs wie Dortmund: Der "Guardian" konstatiert, die Bundesliga "bewahre die Seele des Fußballs". Im Gegensatz zur sich selbst ausschlachtenden Premier League sei die Bundesliga der romantische und dennoch funktionierende Gegenentwurf, samt Stehplätzen, subventionierter Jahreskarten und 50+1-Regel.
Mit einer ähnlichen Mischung aus Argwohn und Neid blicken auch italienische Fußballfans auf Deutschland: Mit Juventus Turin verfügt nur eine einzige Mannschaft der Serie A derzeit über ein modernes Fußballstadion - in der Bundesliga hätte fast jeder Verein sein Stadion zur Weltmeisterschaft bereitstellen können. Auch sportlich erkennt man an, dass der deutsche Fußball mittlerweile auf- und sogar überholt hat.
Nach dem spektakulären 4:1-Sieg bei Ajax Amsterdam schrieb die "Gazzetta dello Sport" über Dortmunds Mario Götze, er sei ein "Deutscher, der nicht wie ein Deutscher spielt". Das war als großes Kompliment gemeint. Italiens Fußballfans sind ergebnisorientiert, weshalb sie den neuen deutschen Machtanspruch noch nicht richtig greifen können, denn: In Titel ummünzen konnten deutsche Mannschaften ihr Selbstbewusstsein und den Respekt der anderen bislang noch nicht.
Auch Joachim Löw ist das mit der Nationalmannschaft noch nicht gelungen. Dass man ihn dennoch sehr schätzt, zeigt eine Leserumfrage der spanischen Zeitung "Marca": Auf ihrer Homepage stellt sie die Frage, wer José Mourinho bei Real Madrid als Coach beerben soll. Auf Platz eins: Joachim Löw. Auf Platz zwei: Jürgen Klopp. Im Gegensatz zu Trainern bedienen sich spanische Klubs bereits an Spielern aus der Bundesliga: Özil und Khedira sind Stammkräfte bei Real Madrid, und die spanische Zeitung "Sport" weiß schon etwas über eine bevorstehende "operación Dortmund", wonach der FC Barcelona plant, die drei Dortmunder Mario Götze, Mats Hummels und Neven Subotic zu verpflichten.
Unter den 55 Nominierten für die Fifa-Weltauswahl 2012 sind übrigens sechs Deutsche - so viele wie noch nie.
Mitarbeit: Raphael Honigstein, Julius Müller-Meiningen