FTD.de » Sport » Beim FC Köln knirscht es in der Führungsriege

Merken   Drucken   01.02.2012, 18:29 Schriftgröße: AAA

Fußballbundeliga: Beim FC Köln knirscht es in der Führungsriege

Der Sportdirektor zweifelt an der Arbeitsweise des Trainers, der widerum verbittet sich die Einmischung in sein Ressort: Volker Finke und Coach Stale Solbakken arbeiten mehr gegen - als miteinander. von Daniel Theweleit, Köln
Demut ist noch nie eine Stärke des kölnischen Charakters gewesen. So mancher Rheinländer glaubt gar, allein der Karneval verwandle die Stadt mit dem Dom in eine unwiderstehliche Weltmetropole - und mit dieser Grundhaltung wird auch der lokale Fußballklub betrachtet. Man muss also verstehen, dass viele Kölner ziemlich gekränkt waren, als ihnen am Montag nach wochenlangen Spekulationen über einen neuen Stürmer ausgerechnet Jong Tae-se vorgesetzt wurde. Schließlich hatte Sportdirektor Volker Finke eine Reise zum Afrika-Cup unternommen, Trainer Stale Solbakken hatte zahllose DVDs mit Kandidaten von internationalen Topklubs gesichtet, und nun kommt ein Mann aus der zweiten Liga, der zuvor im nur 90 Kilometer entfernten Bochum gespielt hat. Ein Fußballer auch noch, über den der Trainer kaum etwas weiß. "Ich kenne den Spieler nicht so gut, ich habe am Freitag zum ersten Mal davon gehört, ich muss ihn im Training in Konkurrenz zu anderen Spielern sehen", sagt Solbakken und heizt mit diesen Worten eine Geschichte an, die seit Wochen für Unruhe sorgt.
Hat auch als Sportchef ganz eigene Vorstellungen vom Kölner ...   Hat auch als Sportchef ganz eigene Vorstellungen vom Kölner Fußball: Volker Finke
Schon im Herbst wurde am Geißbockheim gemunkelt, Solbakken und Finke hätten so einige Mühe, konstruktiv zusammenzuarbeiten. Dem Sportdirektor wird nachgesagt, dass er Zweifel am eigensinnigen System des Trainers habe, und Solbakken sei empört über derlei Einmischung in sein Ressort, heißt es. "Die Vermutung, dass ich da in irgendeiner Form versuche, Einfluss auf die Spielweise zu nehmen, ist abwegig", sagt Finke. Allerdings hat das 1:4 gegen Schalke wieder einmal deutlich gezeigt, dass Solbakkens Plan auch nach einem halben Jahr in Köln ziemlich fehleranfällig ist - und damit kritikwürdig. Den Innenverteidigern ist es nicht erlaubt, außen auszuhelfen, die Gegner dürfen ruhig flanken, Tore sollen innen verhindert werden. Doch wenn wie am Samstag fast 30 hohe Bälle vors Tor fliegen, dann wird eben der eine oder andere reingeköpft.
Und Solbakken kann mit Recht darüber klagen, dass sein Sportdirektor während des langen Transferfensters am Ende nur ein Last-Minute-Geschäft realisieren konnte - einen Transfer, der dem Trainer keine Gelegenheit ließ, sich ausführlich mit seinem neuen Stürmer zu beschäftigen. Bei den Kandidaten, die mit Solbakken abgesprochen waren, musste der Klub "aus wirtschaftlichen Gründen abbrechen", sagt Finke. Auf dem Transfermarkt dieses Winters konnte der hoch verschuldete Klub nicht einmal mit den Ligazwergen SC Freiburg und FC Augsburg mithalten.
Das ist eine bittere Erkenntnis für die stolze Fußballstadt, und sicher auch für den Trainer. Der lokale "Express" will erfahren haben, dass Solbakken nach dieser Geschichte "fuchsteufelswild" gewesen sei, und "Bild" fragt mit bedrohlichem Unterton: "Wie lange tut sich Solbakken das noch an?"
Finke räumt gewisse Meinungsverschiedenheiten sogar ein. "Es geht ja immer um Vorstellungen, die man davon hat, wie Menschen in einem Profiverein zusammen leben", sagt er und fragt: "Soll das eine harmonische Wir-sind-immer-einer-Meinung-Familie sein?" Seine Antwort lautet: Nein. "Es geht um eine sachliche Arbeit und nicht um Verhältnisse zwischen Menschen", beharrt der einst langjährige Coach des SC Freiburg.
Bereits im vorigen Sommer hat Finke Solbakken als einen Trainer vorgestellt, mit dem er streiten könne, und angesichts der schwierigen Umstände mit 30 Mio. Euro Schulden und einer menschlich hoch komplizierten Mannschaft leisten beide grundsätzlich auch ganz gute Arbeit. Solbakken hält Podolski am Laufen, tüftelt akribisch an fußballerischen Inhalten und hat eine passable Hinrunde vorzuweisen. Und auf der anderen Seite hat Finke fast ohne Geld Leistungsträger wie Ammar Jemal und Sascha Riether nach Köln geholt und den zuvor nur ausgeliehen Mato Jajalo unter Vertrag genommen. Außerdem hat er Solbakken verpflichtet und den maßlos aufgeblähten Kader ausgedünnt. Vielleicht hat Finke sogar recht, wenn er sagt, dass der Tae-se-Transfer "angesichts der Möglichkeiten des 1. FC Köln etwas sehr Gutes" ist.
Das sind die Dinge, die der Sportdirektor viel lieber in der Zeitung lesen möchte als "Geschichten, die nichts mit dem Spiel zu tun haben". Ihm gehe es "um die Sache, um Fußball, aber das ist nicht so leicht hier." Denn dem Kölner Fußballanhang geht es um mehr, um Emotionen etwa. Dazu gehört auch, dass die Wut über den jüngsten sportlichen Misserfolg an einem Sündenbock abgeladen werden kann. Es sieht schwer danach aus, als sei diese Rolle vorerst für Volker Finke reserviert. Zumindest bis Jong Tae-se beginnt, Tore zu schießen.
  • Aus der FTD vom 02.02.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  

Den Parameter für die jeweilige Rubrik anpassen: @videoList
Schlagzeilen
FUSSBALL

mehr Fussball

MOTORSPORT

mehr Motorsport

RADSPORT

mehr Radsport

TENNIS

mehr Tennis

SPORTMIX

mehr Sportmix

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote