Angefangen hat es mit diesem Trikot. Damals trugen die Torhüter im Fußball meist noch das große Schwarze. Aber das Jersey von Wolfgang Kleff, Keeper von Borussia Mönchengladbach, war giftgrün und hatte in der Mitte einen horizontalen orangefarbenen Streifen. So strahlte es bis in die Region Sankt Gallen, wo ein entzückter Junge, der beim FC Wattwil das Tor einer Jugendelf hütete, vorm Fernseher auf die deutsche "Sportschau" wartete.
Zunächst zählte nur dieses Jersey, erinnert Andi Schröder, wenn er in den 70er-Jahren die großen Partien der Borussen gegen Bayern München und den 1. FC Köln, Inter Mailand und Real Madrid verfolgte. Weil es ihm das aufregende Gefühl vermittelte, dass da einer "anders als die anderen" und schon dadurch anbetungswürdig war. Alles Übrige ist dann praktisch von allein dazugekommen - nämlich ein ganzes Leben.
Eine kleine Liebelei braucht vielleicht größere Anlässe, aber eine große Liebe kommt mit fast gar nichts aus und ist in der Regel unvergänglich. Also ist es im Grunde beinahe logisch, dass Andi auch morgen dabei ist, wenn die Enkel von Netzer, Kleff und Co. in Istanbul zum Europa-League-Match bei Fenerbahce antreten. So wie bei nahezu jedem Pflichtspiel, das der Verein seines Herzens in den letzten zwanzigundmehr Jahren bestritten hat.
Letzten Sonntag auf Schalke, davor Augsburg, Fürth, Marseille: Kein Weg ist dem 47-jährigen Berufsschullehrer für KfZ-Technik zu weit. Und im Block 17 am Borussia-Park schwenkt er die Schweizer Fahne stets von der gleichen Stelle aus, flankiert von seiner deutschen Frau Brigitte sowie (meistens) ein paar Freunden ihres "Fanclubs Schweiz 93". Ein konstanter Farbtupfer im weiten Rund, der besser als jede Erhebung den emotionalen Radius des niederrheinischen Traditionsklubs markiert.
Da ist ja auch noch Urs aus Basel, der als Angestellter der Schweizer Bahn meist im Zug anreist. Oder Didi aus Sankt Gallen, wenn er nicht am gleichen Tag für den FC St. Gallen trommelt. Neulich haben sie sogar Fred aus Potsdam im Klub aufgenommen, weil der von ebenso weit her, nur aus anderer Richtung anreist. Was beweise, "dass der genauso bescheuert ist wie wir", wie Biggi sagt.
Vernünftig ist daran tatsächlich wenig. Letzte Saison haben sie mit ihrem beklebten Dieselkombi in den Vereinsfarben ("Die Raute im Herzen") gut 43.000 Fahrkilometer zurückgelegt und dabei mehr als 5000 Euro ausgegeben. Die Kosten für die Wohnung im Gladbacher Stadtteil Holt, fußläufig zum Stadion, nicht eingerechnet. Hauptsache, sie müssen nach Abpfiff nicht mehr durch die Nacht fahren, um zum nächsten Morgen wieder auf der Arbeit zu sein.
So konsequent lebt nur ein kleiner Teil der Fans den europäischen Gedanken, der sich mit den internationalen Wettbewerben der Uefa verbindet. Aber Andi Schröders Passion kennt einfach keine Grenzen. Den Job bei der Berufsschule hat er unter der Bedingung angenommen, dass er nur 80 Prozent des normalen Stundenpensums ableisten muss. Und in den Ferien reisen er und seine Frau nach Möglichkeit den Trainingslagern der Mannschaft hinterher. "Mein Vater hat immer gesagt: Lass den Jungen älter werden, dann wird er auch vernünftiger", erzählt er fast stolz. "Aber daraus ist irgendwie nix geworden."
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Im Gegenteil. Damals reichte es dem Pennäler, ab und zu mit der Mutter nach Karlsruhe zu fahren, wenn sie eine Tante besuchte, und die Borussen beim KSC aufspielen zu sehen. Im Dezember 1980 dann der erste Besuch am legendären Bökelberg. Er ist "nur fasziniert, nur glücklich", als die Fohlen Borussia Dortmund mit 1:0 besiegen. Von da an wird die Dosis passend zum Einkommen erhöht. Der Stehplatz in Block 15 ist Zentrum seiner Gefühlswelt, und als das Stadion aufgegeben wird, ist es so "wie wenn ich meine Heimat verlier."
Längst abgehakt. Andi und Biggi haben mit Einweihung des Borussia-Parks 2004 ihre neuen Posten in den Stehrängen bezogen, es ist "ein Stammplatz, der nicht angeschrieben ist". Dort sind sie bislang nur zweieinhalbmal vermisst worden, denn als Biggi mit entzündetem Blinddarm im Krankenhaus lag, fuhr Andi allein: "Das hat sie verstanden, glaube ich." So kann Mann nur mit einer Frau umgehen, die ihm vorm Pokalfinale 1995 in Berlin mit Farbstiften das Schweizerkreuz auf die Stirn gemalt hat - Anfang einer Liaison verwandter Seelen, für die der Klub Familie ist. "Wir sind eigentlich nicht bloß Gladbach-Fans", sagt Andi, "wir leben Gladbach."
Ein Hauch der goldenen Fohlenära ist nun endlich wieder mit im Spiel, wenn Borussia Mönchengladbach nach langen Jahren auf den unteren Ligarängen und der Zweitklassigkeit durch Europas tingelt. Tatsächlich ist sie schon jetzt qualifiziert für die Runde der letzten 32 Klubs. Es ist der Verdienst eines Aufschwungs, den das Team unter der Regie von Trainer Lucien Favre genommen hat. Schweizer Wertarbeit hat den Karren wieder flottgemacht, doch seine Seele sind "Bescheuerte" wie Andi und Biggi: "Wir werden auch in 20 Jahren noch hier stehen."