Dieses Tempo hätte den Berlinern keiner zugetraut. 17.56 Uhr war's, Herthas peinliches 0:4 auf Schalke gerade eine gute halbe Stunde alt, da rollte der blau-weiße Mannschaftsbus mit seinen resignierten Insassen bereits am Eingang der Gelsenkirchener Arena vorbei. Eine rekordverdächtig rasche Abfahrt Richtung Flughafen, die in krassem Gegensatz zum lahmen, ängstlichen Fußball stand, den das Team von Otto Rehhagel zuvor dargeboten hatte. Dass sie noch immer nicht abgestiegen sind, musste den Kickern aus der Hauptstadt wie ein Fußballwunder vorkommen.
Das tat es auch, und der leise Dank ging in den Breisgau. Zum SC Freiburg, der den 1. FC Köln trotz bereits gesicherten Klassenerhalts mit 4:1 an die Wand nagelte. "Großen Respekt vor Freiburg. Sie haben das Spiel ernst genommen, das ist Fair Play", sagte Levan Kobiashvili, Herthas gesperrter Kapitän, der früher selbst fünfeinhalb Jahre für Freiburg gespielt hat. Doch zugleich schien der 34-jährige Georgier über die Möglichkeit, mit einem Sieg über Hoffenheim doch noch an Köln vorbei auf Relegationsplatz 16 huschen zu können, fast beschämt.
"Wir haben immer noch eine Chance - komischerweise", staunte Kobiashvili und ergänzte: "Das ist unsere letzte Chance, das wissen wir. Das ist einfach gesagt - aber es ist schwer, dieses Spiel hier zu vergessen." Das Spiel, in dem Schalke ohne größere Anstrengung zu vier Toren durch Klaas-Jan Huntelaar (2), Lewis Holtby und Raúl kam, dank des Gladbacher Remis gegen Augsburg fix für die Champions League qualifiziert ist, zudem die Vertragsverlängerung der peruanischen Offensivgewalt Jefferson Farfán (bis 2016) verkünden konnte - und das alles inmitten der großen Gefühlsshow um Señor Raúl.
Der Spanier, vor zwei Jahren als Weltstar aus Madrid gekommen, verabschiedete sich nun als absoluter Publikumsliebling aus dem Pott. Beim letzten Heimspiel für S04 traf der 34-Jährige zur hellen Freude des Publikums noch mal ins gegnerische Tor, kniete danach vor der königsblauen Gemeinde auf dem Rasen nieder und sagte später, mit Töchterchen Maria auf dem Arm und Tränen im Augenwinkel: "Ich habe die Bundesliga sehr genossen und die Leute hier ins Herz geschlossen. Schalke ist ein besonderer Verein."
Vor dem Anpfiff sprach Manager Horst Heldt gar von einer "innigen Liebe" zwischen Raúl und Schalke 04. Der Gegenwurf, auch in Fragen gegenseitiger Zuneigung: Hertha BSC. "Ihr müsst das Trainerteam fragen", knurrte Einwechselspieler Patrick Ebert, der als erster, zwölf Minuten nach Spielschluss, das Weite suchte. Gefolgt von Ersatzbank-Mann Andreas Ottl ("Fragt die Protagonisten"), Linksverteidiger Felix Bastians ("Da kommen noch welche") oder Ersatzkapitän Christian Lell, der behauptete: "Wir sollen nichts sagen."
Zumindest sprachen Otto Rehhagel und Michael Preetz über die beängstigende Schieflage bei den Berlinern. "Wir haben zu viele Spieler, die keine Körpersprache haben, die zu still sind", seufzte der ausgelaugt wirkende Chefcoach, der während der 90 Minuten selbst meist unbewegt auf seinem Trainerbänkchen verharrte.
"Der Fußballgott hat gesagt: ‚Leute, wir geben euch noch eine Chance'", erklärte der 73-Jährige vor dem Abflug aus dem Pott, verwies wie Manager Preetz aber voller Zweifel auf den in Herthas Fall eher nichtigen Heimvorteil. Ebenfalls nicht schön für die Berliner: Mit Hoffenheim reist auch Markus Babbel an die Spree - jener Mann, der sich vor seiner Beurlaubung als Hertha-Trainer im Dezember 2011 einen unappetitlichen Streit mit Preetz und Klubpräsident Werner Gegenbauer lieferte.
"Ein extrem brisantes Spiel", weiß Preetz. Vor allem weil Babbel seinem Ex-Klub von Hoffenheim aus schon mal drohte: "Ich will die drei Punkte in Berlin mit aller Macht haben."