Das Derby zwischen Werder Bremen und dem Hamburger SV ist das Duell der ewigen Rivalen im Norden. Einzigartig ist, dass die beiden Klubs nun in nur 19 Tagen viermal aufeinandertreffen. Den Anfang macht am Mittwoch das DFB-Pokal-Halbfinale (20.30 Uhr/ZDF) in Hamburg. Werder-Trainer Thomas Schaaf sagt: "Es ist immer etwas Besonderes. Ich hoffe, dass es ein spannendes Spiel wird." Dann fügt er etwas hinzu, was er sonst so gut wie nie sagt: "Ich wünsche mir vor allem, dass es friedlich bleibt." Schaaf war 1982 als Spieler dabei, als ein Bremer Fan nach Ausschreitungen ums Leben kam.
Diego war noch nicht geboren damals, Tim Wiese lag in den Windeln, Ivica Olic machte die ersten Schritte, und Frank Rost ging in die Grundschule. Sie alle wissen kaum etwas über jenen grauen Herbsttag am 16. Oktober 1982, nach dem aus der sportlichen Rivalität der Klubs Feindschaft zwischen den Anhängern wurde. Es war der Tag, an dem der Werder-Fan Adrian Maleika durch einen Steinwurf tödlich verletzt wurde. Werders damaliger Manager Willi Lemke bezeichnete diesen 16. Oktober als den "schlimmsten Tag in meinem Leben". Er hatte den Glaserlehrling flüchtig gekannt: "Ein netter Junge, ganz und gar nicht gewalttätig."
Auch damals war es ein Pokalspiel. Es endete 3:2 für den HSV. Doch daran erinnert sich kaum noch jemand. Maleika und seine Kumpel vom Fanklub "Die Treuen" waren auf dem Weg ins Volksparkstadion von gewaltbereiten HSV-Anhängern angegriffen worden. Zunächst flogen die Fäuste, dann Steine. Einer davon traf Maleika am Kopf. Die Ärzte im Krankenhaus konnten ihm nicht mehr helfen, Maleika starb am Tag darauf. Der deutsche Fußball hatte sein erstes Todesopfer zu beklagen.
Vorher galt das Verhältnis zwischen den Fans als gemäßigt. Seit dem 16. Oktober war alles anders. Einige Hamburger Hooligans schürten den Hass und distanzierten sich keinesfalls von der Gewalttat. Und beim Begräbnis Maleikas trugen einige Bremer Aufnäher auf ihren Kutten: "Tod und Hass dem HSV". Am 18. Januar 1983 traf man sich auf halber Strecke. Die Kleinstadt Scheeßel war als Ort des sogenannten "Friedensgipfels" ausgesucht worden. Die Klub-Verantwortlichen waren anwesend, die Trainer, einige Spieler sowie diverse Fanklubs. Es ging emotional zu, doch am Ende einigten sich die am Treffen beteiligten Fans, von Racheaktionen abzusehen.
Doch Freunde werden sie wohl nicht mehr werden. Viele wissen nichts vom Tod Maleikas. "Aber die gegenseitige Abneigung wird von Generation zu Generation weitergereicht", sagt Thomas Haffke vom Fan-Projekt Bremen. Werder-Pökse im Vorschulalter grölen: "Ihr seid Scheiße wie der HSV", Hamburger Steppkes singen von "Bremer Hurensöhnen" und kommen ins Stocken, wenn sie ihre Aversion begründen sollen.
Noch 2003 grölten Unverbesserliche in der HSV-Kurve: "Adrian Maleika - die Steine fliegen weiter." Bremer Anhänger sorgten für einen Eklat, als sie auf einem Transparent die Fliegerangriffe im 2. Weltkrieg auf Hamburg abbildeten. Nach dem Kung-Fu-Angriff 2008 von Werders Torhüter Wiese gegen Hamburgs Torjäger Olic war sogar das ansonsten gute Verhältnis der Chefetagen kurzfristig gestört. Aber die Stimmung entspannt sich: Jüngst bewarb sich der HSV-Supporter Johannes "Jojo" Liebnau vergeblich für einen Platz im Aufsichtsrat. Einen Mann, der Parolen skandiert wie "Tod und Hass dem SVW", wollten die HSV-Fans doch nicht in das wichtige Gremium wählen.