Schiris unter pseudopsychologischem Deutungsfeuer
Und so lernten wir, dass es nicht auf die Inhalte (allein) ankomme, sondern auf deren Übermittlungskanäle und Verpackungen. Marketingexperten mühen sich seitdem darum, Produkte zu "branden", und wem es - als Landtagskandidat, Papst oder Schauspieler - gelingt, gut "rüberzukommen", braucht sich um die Substanz seiner Aussagen kaum zu sorgen. Wo Politiker darauf bedacht sind, "Sympathiewerte" einzuheimsen und ihre Ziele den Erfordernissen von nahenden Wahlen geschmeidig anpassen, war es nur eine Frage der Zeit, bis auch die Bundesliga von der Epidemie der Überpsychologisierung eingeholt würde.
Deutschland jammert darüber, dass zu viel gejammert werde, Deutschland wartet auf den "Ruck", und die Bundesligafußballer sind zu Bettvorlegern geworden, denen einfühlsame Trainer und Manager suggerieren, als Tiger durch brennende Reifen springen zu können. Gewiss gab es auch in jenen guten Zeiten, als der Ball noch rund war, psychologische Naturtalente auf der Trainerbank, die wussten, wie sie ihren Schützlingen zu alter oder neuer "mentaler Stärke" verhelfen konnten. Sepp Herberger kannte sich im Gefühlshaushalt seines Fritz Walter bestens aus, und auch Max Merkels Brachialmethoden oder Ernst Happels Grantlertum schienen mitunter geeignet, den Nerv von Starkickern zu treffen.
Alles eine Frage der Psychologie
Wann ging es bloß los mit dem Glauben, alles im Leben sei Psychologie? Wann begann die Inflation der Stehsatzphrasen, der Aufputschslogans à la "Du schaffst es!", "Du bist stark!" und "Keiner kann dich besiegen"? Mit Christoph Daum, der Wohlstandsjünglinge mit heißen Kohlen konfrontierte, oder mit Kaiser Franz, der seine Siegermentalität auf Durchschnittskicker übertrug? Aus Funken entwickelte sich ein Flächenbrand, der jeden Bundesliganachmittag zum Einführungsseminar in die (Vulgär-)Psychologie macht, und als Jürgen Klinsmann schließlich lächelnd dazu aufforderte, den psychologischen Overkill aus Amerika zu importieren, begannen alle Dämme zu brechen.
Was haben wir in der zurückliegenden Saison alles durchlitten. Johan Micouds rätselhafte Lustlosigkeit, Delron Buckleys Wiedergeburt, Oliver Neuvilles Torflaute, Oliver Kahns zurückgewonnene Power, Thomas Dolls Gruppentherapie zum Zwecke der Toppmöller-Austreibung, den Zusammenhang von Finanzkrise und Abstiegsangst in Dortmund, Uwe Rapolders Zerrissenheit, Volker Finkes Ausgebranntsein, Ailtons Schmollmund ... Bis ins Detail wurde die Seelenlage feinfühliger Profis ausgebreitet, und längst sind Salonkommentatoren wie Reinhold Beckmann dazu übergegangen, ihre Talkshowrhetorik ins Stadionrund zu übertragen. Monatelang war zu erdulden, wie die Bochumer Abschlussschwäche mit dem unglücklichen Ausscheiden gegen Standard Lüttich erklärt wurde und wie Peter Neururer auf der Bank das Seelendesaster eines vom Schicksal Geschlagenen vorführte.
Gegner mental überrollen
Küchenpsychologie kaschierte eine Bundesligasaison des grausamen Mittelmaßes und des internationalen Versagens. Permanent ging es darum, dem "Kopf freizubekommen" oder den "Druck wegzunehmen", und permanent mussten wir uns anhören, dass die "Philosophie" (Joachim Löw) der deutschen Nationalelf darin bestehe, sich durch Autosuggestion zum WM-Favoriten zu erheben. Das wird - machen wir uns nichts vor - in der kommenden Spielzeit keinen Deut besser werden: Jungprofis wie Mertesacker, Hanke oder Huth werden psychologisch mustergültig betreut werden und lernen, ausschließlich Win-win-Situationen zu schaffen um England, Brasilien oder Argentinien mental in die Flucht zu schlagen.
Wo jede Körperbewegung als Ausfluss eines Psychodefekts gedeutet wird, konnte es nicht ausbleiben, dass auch der kroatisch-berlinische Schiedsrichterskandal, das eigentliche Ereignis der Saison, dazu einlud, das Seelenleben des Unparteiischen auszuloten. Galt dieser bis dahin als bemitleidenswerter autoritärer Charakter, der private Defizite auf dem Platz kompensiere, so wurde er nun als Mensch entdeckt, der fühlt wie du und ich. Die Wellen des Hoyzer-Betrugs machten aus normalen Fehlentscheidungen mit einem Mal Signale der "Verunsicherung".
Das Stadion als therapeutische Anstalt - so weit hat es die Saison 2004/05 gebracht, und wahrscheinlich ließ sich dies in einer Gesellschaft nicht verhindern, in der Selbstfindungs-, Atemtherapie- und Heilwasserkurse nicht nur im Volkshochschulangebot stehen und der Buchmarkt von Titeln wie "Der innere Garten", "Das Arbeitsbuch zur Aussöhnung mit dem inneren Kind" oder "Ab heute kränkt mich niemand mehr" überschwemmt wird. Letzterer wird dann auch Abwehrspielern helfen, die Eigentore produzieren oder des Feldes verwiesen werden. Wichtig ist nur noch, was Andreas Möllers einst so schön in Worte fasste: "Vom Feeling her hatte ich ein gutes Gefühl."