Der Diskussion um Lewis Hamilton scheint keiner zu entkommen. Bevor auf dem Marina Bay Street Circuit die Nacht zum Renntag gemacht wird, plagt sich die europäische Formel-1-Gemeinde beim Auftakt der Überseetournee zum Saisonschluss mit Schlaflosigkeit, und beim Jetlag-Zapping taucht immer wieder der Mann der Stunde auf. Hamilton hat zwei der letzten drei Rennen gewonnen, ist jetzt erster Verfolger von WM-Spitzenreiter Fernando Alonso - und vor allem die Schlüsselfigur im Vertragspoker. McLaren oder Mercedes, das ist auch die Frage bei einem Interview im Lokalfernsehen zum Auftakt des Nacht-Grand-Prix. Beantwortet wird sie aber nicht vom Hauptdarsteller, sondern von einem PR-Mann des britischen Teams, bei dem Hamilton zumindest bis Saisonende noch unter Vertrag steht: "Dazu wird Lewis nichts sagen..." Hamilton grinst breit und sagt: "Da habt ihr die Antwort."
Die Frage, wer mit wem, wann und wie lange, beflügelt die Fantasie der Formel 1. Natürlich, weil mit Hamilton der unterhaltsamste Fahrer beteiligt ist, mit Schumacher der erfolgreichste, mit McLaren und Mercedes zwei der renommiertesten Rennställe. Das Thema passt gut in den Kalender, der Nacht-Grand-Prix ist immer eine Reise ins Ungewisse und die lokale Zeitung "Straits Times" erhebt Hamilton sogleich in den Status eines "Prinzen der Dunkelheit".
Der 27 Jahre alte Rennfahrer mit den karibischen Wurzeln liebt die große Inszenierung, am liebsten die als PS-Rapper. Die Zierkoteletten messerscharf auf Ideallinie gestutzt, Ohrstecker und Ringe, die aus dem Bühnenfundus der Popsängerin Nicole Scherzinger stammen könnten, mit der ihn eine On-off-Beziehung verbindet. Genau so einen Charakter braucht die Formel 1 in der derzeit von Askese und Verbissenheit geprägten Fahrerriege. Trotz seines Show-Talents erscheint Hamilton auf den Sport fokussiert wie seit seinem WM-Titel 2008 nicht. Mit 37 Punkten Rückstand ist er zu Beginn des langen Formel-1-Endspurts in Übersee der erste Verfolger von Fernando Alonso. Bei Ferrari haben sie ihn schon am meisten von allen gefürchtet, als der Abstand noch mehr als 50 Punkte betrug. "Lewis ist der einzige, der auch ohne Topmaterial die Fähigkeit hat zu gewinnen", sagt Alonso. Zu gemeinsamen McLaren-Zeiten waren die beiden erbitterte Feinde, heute gehen die Gegner sogar zusammen Golf spielen. Das zeigt, dass es auch einen Hamilton ohne Attitüden geben muss.
Der McLaren ist das Auto der Stunde, seit drei Rennen ungeschlagen. Er ist so schnell und zuverlässig, wie sich Titelverteidiger Sebastian Vettel seinen Red Bull erträumt. Trotz bester Perspektiven aber droht Hamilton den Rennstall zu verlassen. Sein Vertrag läuft zum Saisonende aus. 15 Mio. Dollar bekommt Hamilton momentan pro Jahr, das ist ihm zu wenig und McLaren zu viel. Hinzu kommen drei Jahre Sicherheit, die Manager Simon Fuller haben will. Fuller ist branchenfremd, was die Formel 1 angeht, aber firm im Showgeschäft. Wie man Stars und ihre Bedürfnisse befriedigt, hat er mit den Spice Girls und den Beckhams gezeigt.
Vor dem Rennen von Singapur gingen die Verhandlungen mit McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh in die nächste Runde. Der Rennstall hat eine große Perspektive, aber bei Erfüllung der Hamilton'schen Ansprüche vielleicht auch ein Geldproblem. "Wir haben keinen Plan B", behauptet Whitmarsh, "wir wollen, dass Lewis bleibt."
Hamilton pokert hoch, aber Manager Fuller und er haben ein probates Druckmittel gefunden: den Schwebezustand der Zukunft von Michael Schumacher. Souffliert vom ehemaligen Teamchef und heutigen BBC-Kommentator Eddie Jordan ist Hamilton ein heißer Kandidat, falls Schumacher seinen Vertrag nicht erneuern sollte. Aber warum sollte er die Reise ins sportlich Ungewisse riskieren? Die Gerüchte mögen dennoch manchen in Stuttgart ins Grübeln gebracht haben, solange die Verhandlungen mit Schumacher noch nicht abgeschlossen sind. Mercedes könnte zwar neben Nico Rosberg einen jungen Fahrer wie Paul Di Resta oder Nico Hülkenberg einsetzen. Aber einen Hamilton auf dem Markt - lässt man sich den entgehen, wenn man Ambitionen hat?
Bei McLaren weiß man, was das sportliche Können und der Glamourfaktor Hamiltons wert sind. Britische Medien spekulieren auf eine Einigung schon an diesem Wochenende. "Von diesem Mist lasse ich mich nicht ablenken", sagt Hamilton, "ich bin zu 100 Prozent auf den Titel konzentriert." Das wäre ein weiterer geldwerter Vorteil für ihn. Dann unterschreibt er vor TV-Fernsehkameras mit Schwung ein Blatt Papier. Grinst, und hebt es hoch: nur eine Streckenskizze.