Es ist ein bisschen unverständlich gewesen, warum Marco Reus über dem hellblauen T-Shirt auch noch eine Trainingsjacke trug. Denn längst hatte sich die Sommerhitze über den Frankfurter Stadtwald gelegt, als der Nationalspieler vom Fahrdienst des DFB zum Pressezelt vor der Arena chauffiert wurde, in der an diesem Mittwoch das Länderspiel Deutschland gegen Argentinien steigt. Der gerade zum Fußballer des Jahres gekürte Reus, der sich bei der Wahl mit deutlichem Stimmenabstand gegen seine Dortmunder Vereinskollegen Mats Hummels und Robert Lewandowski durchsetzte, spielt eine Schlüsselrolle gegen die Südamerikaner und hat deshalb auch neben dem neuen Anführer Sami Khedira auf der Pressekonferenz auftreten dürfen.
"Marco hat sich immer mehr in den Vordergrund gespielt und kann in der WM-Qualifikation einen großen Sprung nach vorn machen", sagt Joachim Löw, was nichts anderes heißt, als dass der Offensivallrounder vorerst einen Bonus erhält - den Thomas Müller am rechten und Lukas Podolski am linken Flügel verspielt haben. Gerade diese Erbhöfe scheinen mit dem abrupten EM-Ausscheiden Geschichte zu sein, weshalb an diesem Mittwoch wohl Reus und André Schürrle über die Seiten wirbeln sollen. Löw ärgert sich vermutlich noch am meisten, im Halbfinale wieder Podolski statt dem im Viertelfinale gegen Griechenland so starken Reus vertraut zu haben. Aktuell ist der Ex-Kölner genau wie Klubkollege Per Mertesacker gar nicht eingeladen, weil beide vor dem Saisonstart der Premier League noch um die Stammplätze beim FC Arsenal fighten - so hat es der Bundestrainer begründet.
Überraschende Aktionen führte Reus in einer überragenden Bundesligasaison mit 18 Toren und elf Vorlagen zuhauf im Repertoire. Markige Sprüche benötigt der gebürtige Dortmunder zur Untermalung nicht mehr. "Fußballer des Jahres zu sein ist eine große Auszeichnung für mich und ein riesiger Ansporn", hat der erst achtmal in der Nationalelf eingesetzte Profi deshalb am Dienstag artig gesagt und wegen seiner geringen Spielanteile im DFB-Dress nicht einmal ansatzweise im Zorn zurückgeblickt. "Die EM ist nicht gut gelaufen, aber die Sache ist gegessen. Wir wollen einen richtigen Neustart machen." Und eines hat der 23-Jährige gegen Italien von der Ersatzbank aus gut feststellen können: "Die Italiener waren geiler auf den Sieg und wollten das Tor unbedingt machen."
Reus ist auch deshalb ein Hoffnungsträger für Löw, weil er auch auf Vereinsebene wachsen dürfte. Borussia Dortmund hat in der Champions League einiges vor, was bestens zu den Ambitionen des für mehr als 17 Mio. Euro Ablöse geholten Jungstars passt. "Ich bin in einem Team gelandet, in dem ich mich superwohl fühle, und will mich gerade international weiterentwickeln." BVB-Trainer Jürgen Klopp hält große Stücke auf den Fußballer, der im Verein vornehmlich den Part des zu Manchester United abgewanderten Shinji Kagawa übernehmen soll, in der Nationalmannschaft aber von Löw auch als Option für die Sturmmitte angesehen wird. Reus stört der Rollentausch nicht: "Ich bin flexibel einsetzbar und fühle mich vorn auf allen Positionen wohl."
Mönchengladbachs Trainer Lucien Favre hat ihm viel beigebracht und zuletzt angemerkt, dieser Profi wisse noch gar nicht um sein volles Potenzial. Reus könne irgendwann zusammen mit Lionel Messi beim FC Barcelona spielen, befand der Schweizer. "Ich nehme das als Lob", sagte Reus. Und über Messi: "Ich habe selten einen Spieler gesehen, der sich so leichtfüßig bewegt und so einfach spielt. Ich weiß, dass ich noch viel lernen kann." Das klang so vernünftig und fast unterkühlt, dass es das Tragen der Trainingsjacke nahezu gerechtfertigt hätte.