An Titel und Triumphe wollen Deutschlands Zehnkämpfer bei der Leichtathletik-WM in Berlin nicht denken. Mit Michael Schrader ist ihr Medaillenanwärter Nummer eins wegen eines Ermüdungsbruchs nicht am Start; sanfte Hoffnungen auf eine gute Platzierung ruhen auf den Schultern von Pascal Behrenbruch und Norman Müller. Der formuliert seine Ziele für das Finale am Donnerstag relativ bescheiden: "Bestleistung. Wenn ich einen großen Wettkampf mache, dann will ich Bestleistung. Da sind immer noch Disziplinen dabei, in denen ich mein Maximum noch nicht ausgeschöpft habe."
Nebenbei geht es noch um ein wenig Traditionspflege - denn der Zehnkampf galt wegen der Erfolge von Athleten wie Willi Holdorf und Kurt Bendlin schon in den 1960er-Jahren als deutsche Domäne. Nicht nur im Westen, sondern auch im Osten, der mit Christian Schenk und Torsten Voss in den späten 1980er-Jahren die Hegemonie der Westdeutschen und des Briten Daley Thompson ablöste.
Einer, der es in der Leichtathletik weit gebracht hat, sagt: "Es ist eine typisch deutsche Disziplin, würde ich sagen, weil Zehnkampf bedeutet Fleiß, Technik und Erfolg - und das war über Jahrzehnte ja so." Es war schließlich ein harter Wettbewerb untereinander: "Das konnte sich entwickeln, weil immer eine Gruppe von Athleten dort war, die untereinander so miteinander gekämpft haben, dass einer immer rauskam." Das sagt Christian Schenk, der 1988 in Seoul Gold für die DDR gewann - und damit die Olympiahoffnungen seines westdeutschen Kontrahenten Jürgen Hingsen durchkreuzte.
Der schrieb in Seoul dennoch Sportgeschichte - wenn auch ungewollt. Drei Fehlstarts im 100-Meter-Lauf warfen den Hingsen aus dem Wettkampf, und sie beendeten auch das Duell Hingsens mit Daley Thompson, in dem der Engländer immer die Nase vorn hatte. Dabei sei das Potenzial des Weltrekordlers aus Westdeutschland, der in Guido Kratschmer und Siggi Wenz zwei Weltklasse-Konkurrenten im eigenen Land hatte, doch so groß gewesen.