Der Mann, dem die Staatsanwaltschaft Istanbul unter anderem die Bildung einer kriminellen Vereinigung vorwirft, wurde vom Türkischen Fußballverband (TFF) von jeglicher Schuld freigesprochen: Aziz Yildirim, der Präsident von Fenerbahce Istanbul, steht seit Juli 2011 im Zentrum eines Manipulationsskandals im türkischen Fußball, der weit über den Sport hinausgeht. Für den noch laufenden Strafgerichtsprozess hat die Reinwaschung des Fener-Präsidenten durch den TFF keine Bedeutung. Wie Yildirim, der noch in Untersuchungshaft sitzt, wurde jetzt die Mehrzahl der 93 Angeklagten und alle 16 unter Verdacht stehenden Vereine von der Disziplinarkommission des TFF freigesprochen. Zu ein bis drei Jahren Berufsverbot wurden lediglich zehn Einzelpersonen verurteilt.
Was im Fußball der Türkei derzeit passiert, ist ein Lehrstück, wie das alte System seine Macht gegen alle Widerstände bewahren und das für viele Akteure hochprofitable Wirtschaftssystem der Süper Lig am Laufen halten will. Schon Dienstag vor einer Woche erklärte TFF-Präsident Yildirim Demirören, es habe keine erfolgreichen Manipulationsversuche gegeben. In Nebensätzen erzählte er, der Verband habe Paragraf 58 seiner Statuten, der die Strafen bei Manipulationen regelt, geändert. Ursprünglich sah der Paragraf im Fall der Manipulation den Zwangsabstieg der betroffenen Vereine und lebenslange Sperren der involvierten Personen vor. Jetzt kann der Zwangsabstieg zur Bewährung ausgesetzt oder mit Punktabzügen sanktioniert werden.
Fenerbahce wird vorgeworfen, sich die Meisterschaft in der vergangenen Saison mit Schmiergeld erkauft zu haben. Der Klub war deswegen auf Druck der Uefa von der alten TFF-Führung nicht für die Champions League gemeldet worden. Dass Nachrücker Trabzonspor und Pokalsieger Besiktas Istanbul, die beide ebenfalls im Verdacht der Manipulation stehen, im Europapokal starten durften, ist nur eine von vielen Ungereimtheiten in diesem Verfahren.
Der Zwangsabstieg von Fenerbahce und Besiktas hätte die lukrativen TV-Verträge platzen lassen können. Man darf gespannt sein, wie die Uefa auf die Reinwaschung reagiert. Im März hatte Gianni Infantino, Generalsekretär des Kontinentalverbandes, in Bezug auf den Prozess in der Türkei erklärt: "Es gibt klare Beweise." Türkische Kommentatoren fragen jetzt: Droht der Ausschluss türkischer Vereine von den internationalen Wettbewerben? Zudem könnten die Chancen des Bewerbers Türkei bei der Vergabe der EM 2020 sinken.