Am Wochenende waren einige der Golfstars in ihren Privatjets eingeschwebt zum 39. Ryder-Cup-Duell im Medinah Country Club bei Chicago. Und alle hatten sie Geschichten voller Triumphe und Bestleistungen im Fluggepäck: der 23 Jahre junge Nordire Rory McIlroy als derzeit unangefochtener Weltranglistenerster mit vier Turniersiegen auf der US-Tour der große Überflieger der Saison. Bei den US-Amerikanern Tiger Woods, der mit alter Magie wieder auf dem Weg nach ganz oben ist. Oder der Routinier Phil Mickelson, der zum Ryder-Cup-Rekord von neunmal in Folge abschlägt. Oder der 31-jährige Brandt Snedeker, der am Sonntag in Atlanta überraschend das Finalturnier der USA-Tour gewann und ein Rekordpreisgeld einstrich: Er flog 11,4 Mio. Dollar reicher ein.
Martin Kaymer aus Mettmann hätte eigentlich per Last-Minute-Ticket im Billigflieger kommen müssen, als Tourist. Aber er gehört zum Team Europa. Eben noch war der 27-Jährige über die europäische Qualifikationsliste in die zwölfköpfige Mannschaft des Titelverteidigers gerutscht. Am Ende hatte er seine nun zweite Teilnahme am prestigeträchtigen Duell der besten Golfspieler aus Europa und den USA nicht mehr selbst in der Hand gehabt: "Noch nie", sagte er, "habe ich so oft die Leaderboards von Turnieren gecheckt, bei denen ich gar nicht dabei war, wie in den letzten zwei Wochen." Und umso größer ist seine Freude, doch noch dabei sein zu dürfen: "Die Qualifikation hat mir einen weiteren Motivationsschub gegeben. Ich liebe Events, bei denen es um die Ehre und Sportgeschichte geht, wie Olympia und auch den Ryder Cup."
Kaymer hat eine Seuchensaison hingelegt. Vor gerade einmal anderthalb Jahren war er Erster der Weltrangliste, hatte sein erstes Major gewonnen und mit dem Team Europa in Wales 2010 den Ryder Cup. Aktuell wird er noch auf Platz 32 geführt, Tendenz kontinuierlich abwärts. Ein Absturz, den das offizielle Programmheft in Medinah noch nicht mitbekommen hat, dort wird dem Deutschen "seit 2009 ein ununterbrochener Platz in den Top 20" attestiert.
Kaymer spielt immer ein paar Turniere weniger als andere. Stets wollte er lieber intensiv an Details feilen und an seinem Schwung arbeiten ("Ich habe zuletzt so viele Bälle geschlagen, bis mir die Hände richtig wehtaten"), statt weiter Geld und Ranglistenpunkten hinterherzulaufen. Dafür wird er permanent kritisiert, zumal der Erfolg der Arbeit in jüngerer Vergangenheit ausblieb. Ein paar untere Top-Ten-Platzierungen gab es 2012; sein größter Erfolg war es wahrscheinlich, im fünften Anlauf erstmals bei den Masters in Augusta den Cut zu schaffen (und 44. zu werden statt freitags die Koffer zu packen). Kaymers beste Saisonplatzierung: Fünfter vor zehn Tagen bei den Italian Open. Pünktlich für Medinah interpretiert er das als Anflug von Form, von neu gefundenem Schwung, Rhythmus und Selbstvertrauen. Am Dienstagabend sagte er optimistisch: "Vor drei Wochen hat es plötzlich klick gemacht in meinem Schwung, es läuft jetzt."
Der höflich-introvertierte Kaymer gilt in der Szene auch zwei Jahre nach seinem kometenhaften Aufstieg als Mann ohne Eigenschaften. Er versprüht keinen Glamour, sein Spiel ist pedantisch kontrolliert und wenig spektakulär. Kaymers Website, die es ohnehin erst seit 2011 gibt, ist mal wieder Wochen veraltet. Aber jetzt wurde er für seine Verhältnisse richtig böse über die vielen Maulereien an seiner langen Durststrecke: "Ich habe das Gefühl, die Medien und die Schlaumeier macht das nervöser als mein Team und mich", sagte er dem Fußballmagazin "Kicker" , das inzwischen auch Golfer interviewt.
Beim Ryder Cup in Wales holte Kaymer immerhin 2,5 von vier möglichen Punkten, profitierte aber vom bärenstarken Partner Lee Westwood und verlor sein Einzel gegen Dustin Johnson haushoch. Nachher überraschte er mit der Aussage, eigentlich sei das duellhafte Lochwettspiel nie seine Stärke und Leidenschaft gewesen. Heute jedoch nennt er den Ryder-Cup-Sieg "meinen schönsten Erfolg. So ein Gefühl hatte ich sonst noch nie auf einem Golfplatz." Für die Wiederholung wäre er wahrscheinlich durch den Lake Michigan geschwommen nach Medinah/Illinois.