305,909 Kilometer noch, im besten Fall, dann ist der Formel-1-Rennfahrer Michael Schumacher Geschichte. Dass er eine Legende ist, hat er seit dem Ball des deutschen Sports schriftlich. Offiziell also nun auf einer Stufe mit Beckenbauer und Becker. Als Geschenk bekam er in Frankfurt zwei Simulatorstunden mit einer A 380. Schumi macht den Abflug. Vom Mercedes-Team, mit dem er sich im zweiten Abschnitt seiner Karriere mehr schlecht als recht quälte, bekommt er nach dem Großen Preis von Brasilien angeblich seinen Silberpfeil geschenkt. Zur Erinnerung. Auch daran, dass selbst ein Ausnahmerennfahrer immer nur so gut sein kann wie sein Rennwagen.
Der Blick zurück im Zorn liegt ihm nicht. Rückspiegel sind für Schumacher so ziemlich die nutzlosesten Ersatzteile, und so hat er auch beim Neustart mit dem deutschen Dream-Team nie den Maßstab angelegt, seine sieben Titel und 91 Siege zu wiederholen. Nur: Alle anderen haben eine ähnliche Serie erwartet. Inzwischen ist er froh, dass es vorbei ist, dass Mercedes ihm mit der Verpflichtung von Lewis Hamilton eine schwere Entscheidung abgenommen hat - so richtig geglaubt hat er nicht mehr, dass er mit der Marke, bei der 1990 seine Profikarriere anfing, noch einmal ganz nach vorn kommen würde.
Natürlich ist Wehmut dabei, eine Poleposition und ein dritter Platz in 57 Anläufen mit Mercedes, das ist zu mager für einen, der die Formel 1 neu definiert hat. Doch für Schumacher, 43, schließt sich der Kreis: "Interlagos ist ein runder Abschluss für meine Karriere, denn dort wurzelt viel von der Faszination der Formel 1. Für mich ist es zudem die Strecke, auf der Erinnerungen an Ayrton Senna hochkommen." Ansonsten versucht er es aber mit viel Routine, zumindest in der Theorie: "Der Abschied von der Formel 1 wird diesmal für mich wahrscheinlich weniger emotional sein als 2006, weil wir damals noch im WM-Kampf steckten und alles dadurch viel intensiver war. Aber diesmal werde ich den Abschied dafür bewusster wahrnehmen - und hoffentlich auch genießen können."
In seiner Vorab-Bilanz vor dem Großen Preis von Brasilien, in dem Sebastian Vettel mit dem Titel-Hattrick den nächsten Schritt Richtung Schumi-Nachfolge machen kann, spricht das Original von "traumhaften Jahren, die ich in der Formel 1 erlebt habe". Die Kontroversen im ersten Karriereabschnitt und die Ernüchterung im zweiten Teil scheinen ihn nicht zu betrüben. Wer ihn erlebt bei seiner Abschiedstournee, der trifft auf einen balancierten Ausnahmeathleten.
Ein Mann fährt mit 750 PS Richtung große Freiheit. Kein anderer Rennfahrer hat in den letzten Wochen allerdings so viele neue Werbeverträge unterzeichnet wie Schumacher. Das zeigt seine immer noch große internationale Bedeutung. Für Bernie Ecclestones ohnehin wackelnde Vermarktung der Rennserie ist Schumachers Rücktritt ein großer Verlust. An vorzeigbaren großen Stars hat er jetzt noch den disziplinierten Vettel, den ehrgeizigen Fernando Alonso und den ausgeflippten Lewis Hamilton. Alle drei müssen sich erst noch richtig aus dem Schatten des Altmeisters lösen, ein eigenes Profil entwickeln.
Auch das Mercedes-Team, das nun nach dem Rückzug vom arabischen Teilhaber Aabar komplett in Stuttgarter Händen liegt, muss sich neu aufstellen. Drei Lehrjahre waren schon mindestens eins zu viel für den Anspruch des Hauses, weshalb 2013 kein weiteres Übergangsjahr mehr sein kann. Viel vom Druck hat Schumacher genommen, der öffentlich die Prügel bekam. Auch intern war er der Antreiber der nötigen Umstrukturierungen in der Rennfiliale. Hamilton und Nico Rosberg müssen dieses Erbe antreten.
Mehr zu: Formel 1, Michael Schumacher, Motorsport
Teamchef Ross Brawn hat seine Abschiedsrede schon geprobt: "Ich möchte mich für Michaels unermüdlichen Einsatz, seine Leidenschaft und seinen Teamgeist in den letzten drei Jahren bedanken", sagte er. "Ich habe in einem Großteil von seinen 21 Formel-1-Jahren mit ihm zusammengearbeitet und glaube, dass er einer der größten, wenn nicht sogar der größte Formel-1-Fahrer aller Zeiten ist."
Seit Schumacher seinen Ausstieg erklärt hat, hat das Mercedes-Team fünf Nullnummern in Serie abgeliefert - eine indiskutable Bilanz. "Da gibt es nichts, was wir schönreden könnten und auch wollten", sagt Schumacher. Offener, verzeihender ist er geworden in seiner zweiten Karriere, aber immer ein Realo geblieben. Platz 16 wie zuletzt beim Großen Preis der USA soll nicht der Schlusspunkt einer einmaligen Rennfahrerlaufbahn sein: "Am liebsten wäre mir natürlich, wenn ich mich mit einem schönen Rennen verabschieden könnte." So richtig begreifen, was da am Sonntag im Autódromo José Carlos Pace passiert, wird er erst viel später. Wenn der Rückspiegel dann mal ausgeklappt ist.