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Merken   Drucken   26.07.2005, 10:28 Schriftgröße: AAA

Plumpsklöße und Pickelpucks  

Die Bilanz der World Games im Ruhrgebiet fällt gemischt aus: Das Spaßsportfest endet zwar finanziell im Minus - weckt aber den Wunsch nach mehr. Beim Publikum war es beliebt. von Bernd Müllender, Duisburg
Sumo Ringer Katherine Hurley aus den USA, links, kämpft gegen die ...   Sumo Ringer Katherine Hurley aus den USA, links, kämpft gegen die Russin Olesya Kovalenko, rechts, beim Sumo-Turnier im Rahmen der World Games in Duisburg
Der letzte Sieger kam aus Polen. Er gewann die abschließende Casting-Disziplin. Casting ist nicht Vorspielen fürs Fernsehen, sondern Angelrutenathletik. Mal Ziel-, mal Weitwurf. Solche Sachen halt. Und wie der Wettkampfmoderator sagte, sei "Casting schon immer, also seit 1981, pausenlos bei den World Games dabei". Wlodzimierz Targosz jedenfalls stand im Nieselregen des Sonntagabends auf einer Fußballwiese der Sportschule Wedau auf einem Podestlein und warf das kleine Gewicht an der langen Angelschnur im Wettbewerb "Fliege weit, Einhand, Männer" auf 58,71 Meter. Respekt. Jubel. Wärmender Applaus. Nationalhymne. Abgang.
Früher waren die Menschen biederer. Da reichte reichlich Schmierseife, um aus schwitzigen Leibesübungen das lustige "Spiel ohne Grenzen" zu machen. Heute ist die Palette kurioser Disziplinen so schillernd bunt wie die gesamte Spaßsport-Veranstaltung World Games (WG) im Ruhrgebiet. Das ging vom heftig umjubelten Tauziehen (was immerhin mal olympisch war), dem bedächtigen Ninepin Bowling (womit das muffige Wort Kegeln umgangen war) über Rollkunstlauf und Squash bis zu Billard und Barfuß-Wasserski. Da spritzt und klatscht es bei fast 80 Kilometer pro Stunde - und die Aktiven sagen, die Füße täten gar nicht weh.
Despektierlich sagt man Randsportarten. Oder DSF-Disziplinen, wo man nach Mitternacht gern Bewegungsextremismus zeigt. Die World Games zieren sich mit dem aufwertenden Etikett nichtolympisch - und so schafften es die Ruhrpott-Spiele vielseitig in viele Zeitungen und im Fernsehen bis in die "Tagesschau". Mal ernst, meist lobend, gern augenzwinkernd.
Ehrwürdiger Ort
In der Kraftzentrale des alten Stahlwerks Meiderich hatte das Sumo-Ringen einen würdigen, authentischen Ort gefunden. Eine seltsame Sache ist dieser japanische Nationalsport der Dickwanste in unseren Augen allemal: Der Gegner muss in den Sandring gestürzt oder, was häufiger ist, aus dem Terrain herausgedrückt werden. Das dauert oft kaum zwei Sekunden. Viel länger dauerte die rituelle Begrüßung, die rituelle Nervositätskompensation (putziges Fußscharren im Sand) und das rituelle Brüllen des Referees, das wie Anfeuerung wirkte.
Der meiste Jubel brandete auf, wenn die dicksten Klöße so richtig plumpsten - wie jene ästhetisch grenzwertige 150-Kilo-Japanerin oder der dickste Athlet der Spiele, ein neuseeländischer Maori von 203 Kilogramm. Die Sumo-Bewerber (ohne die Weltstars) zeigten aber auch, dass es auf dieser Welt für jeden Körper eine passende Sportdisziplin gibt. Am Ende gewinnt die deutsche 138-KiloKugel Sandra Köppen Gold im Schwergewicht. Vor drei Monaten hat sie eine Tochter zur Welt gebracht.
Oder Inlinehockey. Das ist wie Eishockey, nur ohne Eis und deshalb auf Rollschuhen, mit einer Art rollendem Pickelpuck und dem branchentypischen Finale USA gegen Kanada. Oder wie Wakeboard, eine Mischung aus Wasserski und Wellenreiten: Brett auf Wasser, Athlet drauf, an Seilwinde über den See gezogen, mit tollen meterhohen Flugeinlagen, aber auch nervig brüllenden Moderatoren: "Das ist Pauline, die hat Kraft wie drei Männer ... yeah, man kann das Adrenalin jetzt riechen ... jetzt muss sie nur noch das letzte Hindernis gut anreiten ..." Oder Beachhandball, eines der WG-Highlights, wo es gegebenheitsbedingt keine Dribblings gibt, wo schöne Tore doppelt zählen und deshalb frei stehend gern noch eine Pirourette gedreht wird. Spektakuläres im Sekundentakt. Grandios. Einmal scheiterte eine Deutsche mit einem Aufsetzerwurf - am Sandhügel.
Zuschauerzahl überschritten
Geklärt war bald die Diskrepanz zwischen Zuschauererwartungen (500 000) und den vorher nur wenigen zehntausend verkaufen Tickets. Auflösung: Allein 300.000 Neugierige besuchten die World Games Plaza, die Flaniermeile mit Kulturprogramm und Showeinlagen. Am Ende wurde die halbe Millionen Zuschauer sogar überschritten.
Viele kleine Wettkampforte waren ausverkauft, ob Billard, Free Climbing, Faustball und das spektakuläre Frisbee. Dennoch bleibt dem maroden Duisburg ein Minus von mindestens 1 Mio. Euro. Auch zwei Dopingfälle gab es. Und einen Medaillenspiegel. Russland gewann vor Deutschland. Und doch bot Duisburg nur einen kleinen Teil sportiver Möglichkeiten - das bewiesen in der Meidericher Kraftzentrale schon die Demonstrationsspieler im asiatischen Takraw. Takraw ist eine Art Fußballtennis zu dritt auf einem Badmintonfeld, ähnlich Volleyball zu Fuß mit elastischer Flechtkugel, vielen Fallrückziehern und eingesprungenen Bodyblocks am Netz. Schon die Hobbyspieler ließen staunen. Und daneben lief ein Video aus Malaysia: sensationelle Ballakrobatik, artistisch, rasant. Wie hölzern wirkt dagegen unser normaler Rumpelfußball. "Wahrscheinlich", sagte eine faszinierte Besucherin, "gibt es auf dieser Welt noch Tausende Spiele, von denen wir hier gar nicht ahnen, dass es sie geben könnte".
Also denn: Die Welt braucht zusätzlich ein Sportfest der Nicht-World-Games-Disziplinen mit vielleicht Speed-Minigolf, Holzhacken, Tai-Chi, Angelrutenfechten, Draisinenmarathon, 32-Cards-Zocking (Skat). In Wortakrobatik (Sonderwertung Funktionäre) wurde in Duisburg schon Gold vergeben - an den Präsidenten des WG-Weltverbandes für sein Selbstlob: "Morgens haben wir prozentual oft mehr Publikum gehabt als bei den Frühveranstaltungen der Olympischen Spiele in Athen."
Es gibt auch noch Platz für Regionalspezialitäten wie südseeliges Lianen-Weitschwingen, finnischen Morastfußball, holländisches Polstokspringen, Mainzer Torwandschießen. Oder als Pendant zum Kolosseschubsen beim Sumo: Zwergenweitwurf. Das können die zu kurz Geratenen mit sich selbst nämlich richtig gut wie eine tolle Pausen-Show des Kleinwüchsigen-Verbandes, Sektion Duisburg, in der Karatehalle bewies: Zwergentanz, Zwergenrap und Zwergenakrobatik war bestes Casting mit und für sich selbst. Und kein Menschenrechtler musste schimpfen.
  • Aus der FTD vom 26.07.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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