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Merken   Drucken   20.02.2011, 20:52 Schriftgröße: AAA

Rückkehr aufs Eis: Nicht alle gönnen Pechstein ihr Glück

Mit diesen Zeiten hatte sie nicht einmal selbst gerechnet. Bei ihrem internationalen Comeback nach dem Ende ihrer Doping-Sperre schaffte die Eisschnellläuferin in Salt Lake City den Sprung in die Weltspitze. Experten trauen ihr gar eine Medaille bei der WM zu. von Heiko Oldörp
Die Weltelite verblüfft, das eigene Lächeln wiedergefunden, doch die Skepsis bei der Konkurrenz bleibt: Drei Tage vor ihrem 39. Geburtstag schaffte Claudia Pechstein in Salt Lake City über 1500 Meter und 5000 Meter unerwartet mühelos die Qualifikation für die Heim-WM in Inzell und gilt dort jetzt sogar als Medaillen-Hoffnung. "Das ist der blanke Wahnsinn. Ich habe alle Antworten auf dem Eis gegeben", sagte sie freudestrahlend, nachdem sie im Utah Olympic Oval gleich bei ihrer internationalen Rückkehr nach Ablauf ihrer Zwei-Jahres-Sperre wegen überhöhter Blutwerte die Eisschnelllauf-Welt erneut in zwei Lager gespalten hatte.
Claudia Pechstein überzeugt in Salt Lake City   Claudia Pechstein überzeugt in Salt Lake City
Über ihre starken Zeiten war die Berlinerin selbst überrascht - und nicht nur sie. Die 6:51,62 Minuten über 5000 Meter waren die viertschnellste Zeit ihrer Karriere, über 1500 Meter gewann sie in 1:55,38 erneut die B-Gruppe, war schnellste Deutsche und qualifizierte sich für die WM in Inzell (10.-13. März) sowie das Weltcup-Finale in Heerenveen (4.-6. März). "Das war einer der schönsten Tage meines Lebens. Ich habe mir selbst bewiesen, dass ich noch immer in der Lage bin, in der absoluten Weltspitze mitzumischen. Das war ein riesiges Ausrufezeichen", erklärte die fünfmalige Olympiasiegerin ausgepowert, aber glücklich.
Einige Kritiker reagierten wesentlich skeptischer auf Pechsteins "Wunderzeiten" kurz vor ihrem 39. Geburtstag am Dienstag. "Ich denke, es wird immer einen gewissen Verdacht geben. Einfach aufgrund der Sachen, die passiert sind", meinte Olympiasiegerin und Sprint-Weltmeisterin Christine Nesbitt (Kanada). Etwas kleinlauter gab sich Bart Veldkamp, der Pechstein zuvor als "ekelhaftes Geschwür" des Eisschnelllaufs bezeichnet hatte. "Es ist eine große Leistung, dass man nach zwei Jahren mit so viel Stress so laufen kann. Das machen nicht viele", sagte der Coach des niederländischen TVM-Teams. Seine vorherigen Äußerungen nahm er aber nicht zurück und legte nach: "Wir sind nicht froh, dass sie läuft. Fakt ist, sie läuft und was sie läuft, ist keine Babyzeit."
Pechstein behauptete dagegen auf ihrer Homepage, dass ihr ein Großteil der internationalen Eislauf-Familie sogar einen herzlichen Empfang bereitet habe. "Von frostiger Atmosphäre mir gegenüber war nichts zu spüren. Ich habe mehr denn je das Gefühl, dass die meisten wissen, wie übel mir die ISU mitgespielt hat", erklärte Deutschlands erfolgreichste Winteroympionikin, die aus Selbstschutz wie schon bei ihrem ersten Wettkampf in Erfurt auch in der Mormomen-Metropole neben den offiziellen Dopingproben auf eigene Kosten private Tests durchführen ließ. Eisschnelllauf-Legende Eric Heiden (USA), fünfmaliger Olympiasieger von 1980, hatte diese für Pechstein organisiert. "Wir kennen uns seit Jahren, ich bin froh, dass er mich unterstützt hat", sagte Pechstein.
Für Zoff hatte zuvor ihr Lebensgefährte Matthias Große gesorgt, der sich wegen der erwogenen Disqualifikation über 5000 Meter aufs neue mit der ISU anlegte. "Es ist doch klar, dass die ISU alles versucht, uns irgendwie zu schaden", unterstellte er den Referees. Nachdem Pechstein hinter der tschechischen Olympiasiegerin Martina Sablikova, die in 6:42,66 Minuten einen fantastischen Weltrekord lief, und der Erfurterin Stephanie Beckert die drittschnellste Zeit des Tages gelungen war, hatten Kampfrichter erwogen, ein leichte Berührung der Rückkehrerin mit der Amerikanerin Maria Lamb beim Überholvorgang zu bestrafen. "Eine Disqualifikation wäre eine Katastrophe gewesen", sagte Teammanager Helge Jasch.
Nach ihrem 1500-Meter-Rennen fiel Pechstein ihrem Freund noch auf dem Eis in die Arme. Stirn an Stirn schauten sich beide tief in die Augen. Groß war der Jubel auch bei Chefcoach Markus Eicher. "Es ist unglaublich, in welcher Verfassung sie sich hier vorgestellt hat", sagte Eicher. Für Sablikova ist Pechstein in Inzell nun sogar eine Medaillen-Kandidatin, "nur die Farbe ist noch unklar."
Eicher ist froh, neben Beckert ein weiteres Langstrecken-Ass zu haben. Auch wenn zwischen den Erzrivalinnen seit Monaten Dauerfrost herrscht, steigen vor allem im Team-Wettbewerb die Chancen auf deutsches Edelmetall. Zudem, so Eicher, sorge der Name Pechstein für öffentliches Interesse. Nach dem Karriere-Ende von Anni Friesinger habe es ein Loch gegeben, Fernsehzeiten seien weniger geworden. "Jetzt hat sich die Schlagkraft wieder erhöht", hofft Eicher.
Im Schatten von Pechstein und Beckert konnten auch die deutschen Männer überzeugen. Stephanies Bruder Patrick Beckert gelang mit Platz vier über die 10.000 Meter in deutscher Rekordzeit (13:08,54) das beste Ergebnis seiner Karriere. Der Erfurter buchte ebenso das WM-Ticket, wie der Münchner Marco Weber (13:09,36) und Moritz Geisreiter (13:16,12) aus Inzell, die zuvor in der B-Gruppe Dritter sowie Fünfter wurden und ebenfalls unter dem über vier Jahre alten deutschen Rekord von Tobias Schneider (13:16,36) blieben.
  • dpa, 20.02.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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