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Merken   Drucken   16.11.2005, 19:49 Schriftgröße: AAA

Steffen Karl: Abstieg eines Verteidigers  

Am Donnerstag fallen die ersten Urteile im Hoyzer-Prozess. Steffen Karl, einziger Fußballer unter den Angeklagten, bestreitet die Vorwürfe. Karls sonderbare Karriere ist auf jeden Fall am Ende. von Stefan Osterhaus, Berlin
Steffen Karl: Sein wichtigstes Match findet jetzt in Berlin-Moabit ...   Steffen Karl: Sein wichtigstes Match findet jetzt in Berlin-Moabit statt, vor Gericht
Es ist kein Spieltag, an dem Steffen Karl erkennen muss, dass seine Karriere vorüber ist. Auch ist es keine Verletzung, die ihm signalisiert, dass es bald vorbei sein wird. Kein Trainer bescheinigt ihm, für das Geschäft nicht mehr zu taugen. Steffen Karl ist 35 Jahre alt, am Alter liegt es nicht. Vielmehr sind es zwei Staatsanwälte in Berlin, Thorsten Cloidt und Hans-Jürgen Fätkinhäuer, die ihm klar machen, dass seine Laufbahn am Ende ist.
Zwei Stunden lang lesen sie aus einem Schriftsatz vor, der beinahe 300 Seiten umfasst: Die beiden Männer führen am Landgericht in Moabit die Anklage im so genannten Wettskandal gegen die drei kroatischen Brüder Sapina sowie die Schiedsrichter Robert Hoyzer und Dominik Marks. Und gegen Steffen Karl, den einzigen Profifußballer vor Gericht.
Karl wird Manipulation im Verbund mit den Sapina-Brüdern vorgeworfen. Der so genannte Justizfall Hoyzer ist auch der Fall eines deutschen Profis. Der Vorwurf lautet auf "versuchte Verbrechensabrede". Karl nahm die Anklageverlesung ungerührt zur Kenntnis. Als die Personalien festgestellt wurden, hieß es: "Steffen Karl, Fußballprofi. Zurzeit arbeitslos."
Schwer belastet
Robert Hoyzer, der geständige Referee, hat ihn schwer belastet, vor Beginn des Verfahrens und auch im Gericht: Karl und Sapina hätten sich gut gekannt. Der Chemnitzer Spieler hätte bis zu 5000 Euro an Spieler verteilt und selber bis zu 10.000 Euro kassiert. Karl sei selbst initiativ geworden und habe Sapina angerufen. Auch Ante Sapina, der Drahtzieher, ging ins Detail. Vor einem Spiel, das Chemnitz 0:3 gegen Holstein Kiel verlor, habe er gefordert: "Ihr müsst was tun dafür, damit mein Tipp hinhaut." Karl gehorchte den Worten Sapinas zufolge, der mit seiner Wette dann einen Gewinn von 303.240 Euro einstrich.
Karl ließ seinen Anwalt eine so genannte Einlassung verlesen. Niemals hätte er auf dem Feld "mit angezogener Handbremse gespielt". Manipulation und Schiebereien, das alles sei ihm "persönlichkeitsfremd". Doch er bestätigte, dem damaligen Cottbuser Torhüter Georg Koch im Auftrag Sapinas 20.000 Euro geboten zu haben, damit dieser ein paar haltbare Bälle passieren lässt, um eine von Sapina getätigte Wette zu erfüllen. Koch lehnte ab.
Es sind die letzten Rettungsversuche eines Mannes, dessen Karriere auch so schon ein bisschen verkorkst war. Fußballfans kannten seinen Namen, irgendwie, ohne ihn wirklich zuordnen zu können. Und wenn es stimmt, dass die Anzahl der Stationen etwas über den Charakter eines Profis aussagt, dann ist Karl schon immer ein unsteter Geist gewesen: Neun Klubs binnen elf Jahren hat er gedient.
Odyssee eines Profis
Karl hat viel gesehen in seinem Fußballerleben. Den Aufbruch, den er mit Borussia Dortmund ebenso erlebte wie mit Hertha BSC. Er fügte sich ein in die Folkloretruppe des FC St. Pauli. Auch dort passte er gut hin. Es ging um Kampf und kompromisslose Härte. Einziges Ziel war der Klassenerhalt. So etwas liegt ihm. In Berlin gaben sie Karl, der aus Halle an der Saale stammt, wegen seiner Freistöße einst den Beinamen "Eisenkarl". Er kickte auch für Manchester City und den Osloer Klub Valeranga.
Doch seinem Engagement beim FC St. Pauli folgte der freie Fall. Zwei Jahre verbrachte Karl beim SF Kladow. Bezirksliga Berlin, dritte Abteilung. Ganz unten für einen wie ihn. Dann schwang er sich auf nach Sofia zum Sportklub Lokomotive. Auch keine Traumadresse. Danach kam er zurück nach Deutschland, in die Tristesse beim Chemnitzer FC - die Odyssee eines deutschen Fußballprofis. Im Gerichtssaal 500 in Berlin-Moabit hat sie ihr vorläufiges Ende gefunden.
Sein vehementes Abstreiten verblüffte wohl auch Richterin Gerti Kramer. Sie hat sein Verfahren abgekoppelt. Von Dienstag an wird gegen ihn weiter verhandelt.
Sonderbare Karriere
Es gab Zeiten, da galt Karl einmal als überaus begabt. Herthas Abwehrrecke Dick van Burik zeigte sich im Training verblüfft über den Kollegen: "Warum spielt der eigentlich nicht in der Nationalelf? Er kann doch alles." Tatsächlich konnte Karl viel. Als der Libero verschwand, rückte er ins defensive Mittelfeld. Trainer Ottmar Hitzfeld schätzte seine Zweikampfhärte.
Doch Steffen Karl machte es seinen Arbeitgebern nicht leicht. In Dortmund war er betrunken gefahren und hatte bei einem Unfall hohen Sachschaden angerichtet - mit 2,5 Promille. Hitzfeld strich ihn aus dem Kader; Karl wechselte später zum FC Sion in die Schweiz. Dortmunds damaliger Manager Michael Meier war sauer: "Er hat sich, dem Ansehen des Vereins und auch seinem Berufsstand geschadet." Genauso könnten heute Verlautbarungen aus Chemnitz klingen, wo er inzwischen entlassen wurde.
Anfangs wollten sie dort nicht glauben, dass Karl mit dem Fall zu tun habe. Trainer Dietmar Demuth reagierte fassungslos ob der Vorwürfe. Dabei kannten er und Karl sich schon vom FC St. Pauli. Auch dort hatte der Profi für eine merkwürdige Episode gesorgt: Einmal verschwand er für zwei Tage spurlos. Später rechtfertigte er sein Fehlen mit einem Muskelfaserriss und Untersuchungen. Den Vereinsarzt aber mied er.
Mehr als einmal blieben seine Rechtfertigungen für Verfehlungen unverständlich. Auch im Prozess macht er den Eindruck, als laviere er herum. Wie kam es zum Kontakt mit Sapina? Er geht auf die kritische Passage nicht ein. "Herr Karl, ist das ihre Einlassung?", fragt die Richterin. Karl bestätigt einsilbig. Es waren seine letzten Worte in diesem Prozess, bevor ein eigenes Verfahren die sonderbare Karriere des Steffen Karl um ein Kapitel fortschreibt.
  • Aus der FTD vom 17.11.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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