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Merken   Drucken   14.03.2012, 10:00 Schriftgröße: AAA

Steuerschulden: Spaniens politisch-sportlicher Komplex

Mitten in der Finanzkrise will das klamme Spanien seinen Fußballklubs Steuerschulden erlassen. Das interessiert sogar die EU.
von Brüssel und Axel Kintzinger, Hamburg

Miguel Cardenal liest sicher mehr als nur die auflagenstarken, spanischen Sporttageszeitungen. Schließlich ist er Minister, wenn auch für Sport. Aber seit dieser Woche darf man davon ausgehen, dass der konservative Politiker kein Gefühl für das richtige Timing politischer Ideen hat. Denn ausgerechnet in einer Zeit, in der Spanien entgegen der Vereinbarungen mit der EU die Defizitziele deutlich verfehlt - 5,8 statt der erlaubten 4,4 Prozent - und die desolate Haushaltslage seines Landes für neue Aufregung in der Euro-Zone sorgt, kündigt Cardenal ein unglaublich klingendes Steuergeschenk an. Die 20 Fußball-Vereine der Primera División stehen mit 1,3 Mrd. Euro an Steuer- und Sozialversicherungsschulden beim Staat in der Kreide - und Spaniens Regierung, so Cardenal, will ihnen das meiste davon erlassen.

Das ist in zweierlei Hinsicht interessant. Zum einen sportpolitisch: Der europäische Fußballverband Uefa wird prüfen müssen, ob die spanischen Klubs mit dieser Art von Subvention nicht gegen die Financial-Fairplay-Regeln verstoßen, die seit Beginn dieser Saison gelten. Zum anderen europapolitisch: Brüssel kann es nicht egal sein, was die Spanier da treiben. Ist es auch nicht. Zwar sei die EU-Kommission von Madrid noch nicht darüber informiert worden, dass den mit millionenschweren Fußballstars gespickten Klubs Milliarden an Steuerschulden erlassen werden sollen. Da eine solche Maßnahme aber staatliche Beihilfen beinhalten könnte, sollte sie im Voraus der Kommission im Rahmen der Beihilferegeln angemeldet werden, sagte eine Sprecherin von EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia.

Ein Zweikampf in der Partie der Primera División Granada CF - ...   Ein Zweikampf in der Partie der Primera División Granada CF - Atletico Madrid

"Das wäre ohne Frage ein beihilferechtlicher Fall", meint der Wettbewerbsexperte Eckart Wagner von der Hamburger Anwaltskanzlei Corinius, "Brüssel wird sich das anschauen." Der Fachmann kann sich kaum vorstellen, wie das durchgehen sollte. Denn schon "auf den ersten Blick ist klar, dass das den Wettbewerb verzerrt und nicht ohne Weiteres zu rechtfertigen ist". Auf eine Vorzugsbehandlung wegen der gesellschaftlichen Rolle des Fußballs kann Spanien in den Augen von Wagner nicht hoffen: "Spätestens seit dem Bosman-Urteil ist klar, dass die Klubs als Wirtschaftsunternehmen gelten und so behandelt werden."

Ein Schuldenerlass wäre für die klamme spanische Liga eine große Hilfe. Einer Studie der Universität Barcelona zufolge drückten die 20 Erstliga-Vereine schon am Ende der Saison 2009/10 Schulden in Höhe von insgesamt 3,48 Mrd. Euro. Die laufende Spielzeit begann mit einem Streik, weil viele Klubs monatelang keine Gehälter mehr zahlen konnten. Welt- und Europameister wie Iker Casillas und Xabi Alonso von Real Madrid oder Carles Puyol vom FC Barcelona solidarisierten sich mit den Kickern, die finanziell auf dem Trockenen saßen.

Die beiden Top-Klubs aus Madrid und Barcelona sind zwar auch hoch verschuldet, sichern ihr Überleben aber dank ausreichender Einnahmen. Real profitierte schon von dem unorthodoxen Umgang spanischer Behörden. So hatten die "Königlichen" vor elf Jahren ihr Trainingsgelände an die Stadt verkauft - für den sagenhaften Preis von 480 Mio. Euro. Schon damals vermutete die EU-Kommission unerlaubte staatliche Beihilfe. Jahrelang wurde ermittelt, schließlich musste das Verfahren ergebnislos eingestellt werden.

Der politisch-sportliche Komplex ist eine Macht auf der iberischen Halbinsel. Während die öffentliche Hand - und im Falle Real Madrids auch Banken - bei Engpässen hin und wieder großzügig zubuttert, schauen die Behörden bei Dopingskandalen provozierend behäbig zu, Ermittlungen werden verschleppt oder schnell eingestellt.

Trotzdem hat die Finanzkrise auch den spanischen Fußball längst im Griff. In den Profiligen haben 21 Vereine Konkurs angemeldet - darunter Traditionsklubs wie Real Zaragoza oder Betis Sevilla. Viele von ihnen gehören oder gehörten Bauunternehmern, die infolge der Immobilienkrise in wirtschaftliche Turbulenzen geraten sind. An kleineren Fußballstandorten haben Städte und Kommunen die Subventionen gestrichen. Selbst zahlreiche Erstligaklubs finden keinen Trikotsponsor mehr. Hinzu kommt, dass der sportliche Wettbewerb in der Primera División langweilig geworden ist. Zwischen Real und Barça auf der einen und dem Rest der Liga auf der anderen Seite klafft spielerisch und auf dem Punktekonto eine Kluft. Der FC Valencia, aktuell Dritter der Liga, hat auf Spitzenreiter Real Madrid 26 Punkte Rückstand.

Das wäre mal ein Thema für Sportminister Cardenal. Der aber gibt sich als Finanzpolitiker. Der Ansatz seiner Idee sei, "die Schulden restlos auszulöschen und Wege zu finden, dass solch hohe Verbindlichkeiten nicht mehr wieder entstehen". Das klingt so Erfolg versprechend wie der Versuch, Lionel Messi von einem 80-jährigen Verteidiger stoppen zu lassen.

  • Aus der FTD vom 14.03.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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Hamburger SV-1899 Hoffenheim2:0(1:0)
Borussia Dortmund-VfL Wolfsburg2:3(1:2)
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1. FC Nürnberg-Fortuna Düsseldorf2:0(1:0)
SC Freiburg-SpVgg Greuther Fürth1:0(1:0)
FC Augsburg-Bayern München0:2(0:1)
Eintracht Frankfurt-Werder Bremen4:1(0:0)
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