Jens Lehmann ist ein kluger Taktiker. Darum gab der Torhüter der deutschen Nationalmannschaft nach dem 3:0-Sieg am Mittwochabend gegen Österreich ganz unumwunden zu: "Ich habe einen Fehler gemacht, zweifelsfrei." Er meinte die Szene in der 22. Minute, als er in gewohnter Manier weit aus seinem Tor lief und gegen Sebastian Prödl eine gefühlte halbe Stunde zu spät kam. "Ich dachte, der Ball springt weiter weg", sagte Lehmann, der auch ein Meister des Herausredens ist, und führte die Beschaffenheit des Rasens als Grund für seinen Irrtum an. Außerdem spiele er eben sehr risikoreich. "Da kriegt man nicht jeden Ball", sagte er schon wieder leicht patzig, "das ist eben leider so."
Ungefähr so hatte er auch seine Patzer zu Saisonbeginn im Tor des FC Arsenal erklärt, was nicht verhinderte, dass er seinen Platz als Nummer eins in London an Manuel Almunia verlor. Lehmanns Vorgesetztem Joachim Löw war das Thema sichtlich unangenehm, er musste jedoch einräumen: "Da ist er zu früh rausgekommen."
Die neue Torwartdebatte passte dem Bundestrainer nicht, er hatte schon genug Sorgen nach der insgesamt katastrophalen Vorstellung in Wien, die keiner so perfekt symbolisierte wie Lehmann. Der beging keineswegs nur einen Fehler, wie er suggerierte, und es waren auch nicht "einige Unsicherheiten", wie Löw verniedlichte, sondern vier kapitale Schnitzer.
Nach den zuletzt guten Leistungen im Nationalteam und vier Tage nach seinem ersten Premier-League-Match seit August - beim 3:0 gegen Manchester City, wo er den leicht am Daumen verletzten Almunia vertreten durfte - verblüffte Lehmanns Fehlerhäufung und stürzte Löw in Erklärungsnot. Der Bundestrainer hatte zuvor die vor der EM im Juni noch anstehenden Länderspiele als Maßstab dafür ausgegeben, ob Lehmann die Nummer eins im deutschen Tor bleiben könne, auch wenn er im Verein kaum spiele.
"Jens Lehmann hat in den letzten Spielen gezeigt, dass er nach wie vor in der Lage ist, Nervenstärke zu zeigen und Ruhe auszustrahlen", sagte Löw nach der Partie in Wien. Das aber legt einen fatalen Schluss nahe. Wenn es nicht Nerven oder fehlende Spielpraxis waren, die ihm einen Streich spielten, handelt es sich wohl um ganz normale Alterserscheinungen eines 38-jährigen Torwarts. Arsenal-Coach Arsène Wenger, dem immer noch vorgeworfen wird, dass er einst zu lange am alternden Nationalkeeper David Seaman festhielt, sieht das offenbar ähnlich, sonst hätte er nicht nach zwei Lehmann-Fehlern Almunia befördert.
Lehmann selbst führte den Mangel an Konzentration, der nicht nur ihn, sondern das ganze Team erfasst hatte, eher auf den mangelnden Wettkampfcharakter der Partie zurück: "Ich habe lieber die Spiele, wo der Druck richtig groß ist und man sich keinen Fehler erlauben darf." Dumm nur, dass es die für ihn bis zur EM kaum geben wird.
Bemerkenswert war die Variabilität seiner Aussetzer. Gleich nach dem verunglückten Ausflug, den Per Mertesacker gerade noch ausbügelte, griff Lehmann in schneller Folge an zwei Eckbällen vorbei und ließ Emanuel Pogatetz und Martin Harnik jeweils zum Kopfball kommen. "Normalerweise hat er da die Lufthoheit", staunte Löw. "Die Österreicher haben die Standardsituationen gut gespielt", war Lehmanns eigenwillige Sicht der Dinge.
In Halbzeit zwei ließ er dann kurz nach dem Führungstreffer einen harmlosen Schuss genau vor die Füße von Roland Linz prallen. Ähnliches war ihm schon letztes Jahr bei seinen ansonsten hervorragenden Länderspielen in England und Irland unterlaufen - was auch Lehmanns patzige Frage nach dem Spiel beantwortet: "Wann habe ich denn den letzten Fehler gemacht im DFB-Team?" Ein kurzes Gedächtnis ist sicher hilfreich für einen Torwart, ein Trainer kann sich das aber nicht leisten. Löw muss nun doch wieder die Debatte führen, die er fast schon beendet wähnte. Bei der Europameisterschaft braucht er einen tadellosen Keeper, doch zur Beurteilung der Frage, ob Lehmann das noch sein kann, gibt es nicht mehr viele Gelegenheiten, solange der 38-Jährige bei Arsenal auf der Bank sitzt. Und in den wenigen Länderspielen bis zur EM müsste Löw theoretisch, solange die Torwartfrage offen ist, auch den anderen Kandidaten wie Timo Hildebrand oder Robert Enke Einsatzzeit geben. "Wir können damit umgehen", versicherte Löw in Wien etwas gequält. Wahrscheinlich sind ihm die Debatten vor der WM 2006 in Deutschland, um Lehmann und Oliver Kahn, noch gut im Gedächtnis geblieben - T-Frage 2.0.
Lehmann aber war da längst wieder ganz er selbst: "Wenn Deutschland nichts anderes zu diskutieren hat - ich kann damit leben." Das wird er wohl auch müssen.