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Merken   Drucken   11.07.2011, 18:36 Schriftgröße: AAA

Tour de France: "Mörderische Strecken"

Die Tour de France wird überschattet von schweren Stürzen - Schuld hat nicht nur der Veranstalter.
© Bild: 2011 AP/Christophe Ena
Die Tour de France wird überschattet von schweren Stürzen - Schuld hat nicht nur der Veranstalter. von Susanne Rohlfing, Saint-Flour
Nicht immer wird der Ruhetag von den Tour-de-France-Fahrern herbeigesehnt. Oft bricht er den Rhythmus, bringt die auf Höchstleistung eingestimmten Sinne durcheinander. Diesmal jedoch sind alle froh. Montag war nicht nur ein einfacher Ruhetag. Er war ein Tag, an dem Wunden versorgt, Unmut geäußert, Diskussionen geführt und vor allem Nervosität abgebaut werden musste.
Gestürzt wurde schon immer bei der Tour de France. Aber dass so viele Unfälle passieren wie am Sonntag, als schon zum zweiten Mal ein TV-Fahrzeug Teilnehmer umfuhr, dass überhaupt vier Teamkapitäne und insgesamt 18 der 198 Fahrer schon in der ersten Woche ausfallen - das ist mindestens ungewöhnlich. Die Etappe am Sonntag sollte ein leichter Aufgalopp der Favoriten sein, ein Warmfahren für die erste schwere Bergetappe am Donnerstag. Doch diese neunte Etappe wird nicht als die des Franzosen Thomas Voeckler (Europcar), der das Gelbe Trikot eroberte, in Erinnerung bleiben, sondern als die der schweren Stürze.
Es traf auch die deutschen Spitzenfahrer. Andreas Klöden (Team Radioshack) rauschte in den Wald, weil die Straße von gestürzten Fahrern blockiert war. Er fiel eine neun Meter tiefe Böschung hinunter und schleppte sich schließlich mit einem großen Hämatom am Rücken ins Ziel. Klöden verlor acht Sekunden auf die anderen Favoriten und rutschte auf den achten Platz zurück.
Der Cottbusser Tony Martin (HTC) belegt derzeit den 6. Rang   Der Cottbusser Tony Martin (HTC) belegt derzeit den 6. Rang
Damit ist der Cottbusser Tony Martin (HTC) auf Rang sechs - direkt hinter den Luxemburger Brüdern Fränk und Andy Schleck (Leopard) - jetzt bester Deutscher. Auch er kam am Sonntag bei der schweren Karambolage in der Abfahrt vom Puy-Mary-Pass zu Fall, zog sich aber nur einen Schnitt am Knie zu und konnte weiterfahren. "Tony kam als etwa 20. um die Kurve, hat sie da alle liegen sehen und gebremst, was er konnte", erzählte Rolf Aldag, Teammanager bei HTC. "Das hat nicht gereicht, aber er ist kontrolliert gestürzt."
Wütend war Martin trotzdem. Auf seiner Internetseite schimpfte er am Montag: "Ja, ich sehe einen Zusammenhang zwischen der Organisation und den Stürzen. Wir werden hier zum Teil über mörderische Strecken gejagt." Die Straßen seien eng und schlecht. Andere Fahrer taten ihren Unmut via Twitter kund. "Geisteskrank und absurd per Definition. Haben wir nichts vom Giro gelernt? Unfälle und Chaos spielen eine größere Rolle als der eigentliche Sport. Sehr frustrierend", schrieb der Amerikaner Brent Bookwalter vom BMC-Team und erinnerte an den Tod des Belgiers Wouter Weylandt in diesem Frühjahr. "Jeder, der in ein Radrennen involviert ist (auch die Fahrer), sollte einen schriftlichen und einen Praxis-Test absolvieren, bevor er eine Lizenz bekommt", verlangte der britische Sprinter Mark Cavendish (HTC).
Er spielte damit auch auf die Reporter an, die die Rennfahrer zunehmend gefährden. Auf der fünften Etappe hatte das Motorrad eines Fotografen den dänischen Profi Nicki Sörensen (Saxo Bank) umgefahren. Am Sonntag rammte ein Auto des französischen Fernsehens den Spanier Juan Antonio Flecha (Sky), der wiederum den Holländer Johnny Hoogerland mitriss. Dieser flog in einen Stacheldrahtzaun und schleppte sich anschließend blutüberströmt mit vielen Schnitten an den Beinen ins Ziel. Beide Fahrer gehörten zu einer fünfköpfigen Spitzengruppe. Der Autofahrer gefährdete somit nicht nur ihre Gesundheit, sondern nahm ihnen auch die guten Chancen auf einen Etappensieg. Er wurde ebenso wie der Motorradfahrer wenige Tage zuvor von der Tour ausgeschlossen.
Wer nun schuld ist an der Misere der diesjährigen Tour de France, darüber war man sich am Montag noch nicht ganz einig. "Manchmal sind wir für die Stürze selbst verantwortlich, so wie heute. Heute war es absolut unnötig, die Abfahrt mit einem derartigen Risiko zu bestreiten", twitterte der deutsche Profi Markus Burghardt (BMC). Auch Aldag wollte nicht nur die Streckenbauer verantwortlich machen: "Natürlich muss die Sicherheit der Fahrer vorgehen, aber es passieren ja auch abgesehen von den Stürzen in diesem Jahr viele spannende Sachen."
Definitiv überdacht werden müsse nach Ansicht Aldags aber die Größe der Tour. "Da sind zu viele Menschen auf der Strecke, die keine Ahnung von der Sache haben, alles wird immer größer und aufgeblasener." Das Resultat: Die Zusammenstöße von Medienfahrzeugen mit Fahrern. Ein anderes Problem sei diesmal, dass die Favoriten noch so dicht beieinander liegen. "Die Positionskämpfe sind extrem", sagte Aldag. Alle sind nervös, alle wollen vorn dabei sein. Die Kapitäne, ihre Helfer, die Sprinter, die Ausreißer. Doch so viel Platz ist auf den engen Straßen an der Spitze des Pelotons nicht.
  • Aus der FTD vom 12.07.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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