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Merken   Drucken   31.01.2012, 17:58 Schriftgröße: AAA

UV-Behandlung: Experten streiten über Blutdoping

Paramedizinischer Unfug oder illegales Doping? Ob UV-Bestrahlung leistungssteigernd wirkt, darüber streiten Experten schon seit den 20er-Jahren. von Erik Eggers, Hamburg
Der Experte hält die Methode für Hokuspokus. "Das ist mehr im Bereich des Okkultismus angesiedelt", das sagte Detlef Thieme, Leiter des Dopingkontrolllabors in Kreischa, dem MDR über die Methode der UV-Blutbehandlung, mit der der Erfurter Sportmediziner Andreas Franke in Erfurt rund 30 Athleten behandelt haben soll. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun am Olympiastützpunkt Thüringen. Die Debatten darüber, ob es zur Leistungssteigerung beiträgt, wenn man 50 Milliliter Blut abzapft, mit UV-Licht bestrahlt und wieder in den Körper gibt, beginnen. Genauer: Sie setzen sich fort.
Die Frage, ob UV-Strahlen die Leistung steigern, ist schon älter ...   Die Frage, ob UV-Strahlen die Leistung steigern, ist schon älter als die Erfindung des klassischen Blutdopings
Denn die Frage, ob UV-Strahlen die Leistung steigern, ist schon älter als die Erfindung des klassischen Blutdopings, das auf etwa 1970 datiert wird. Bereits 1926 berichtete der Essener Mediziner Karl Anton Worringen in der Zeitschrift "Leibesübungen", dass US-Trainer auf die "Quarzlampenbestrahlung" schworen, demnach sollte "das systematische Bestrahlen" der Universitätsruderer Yales zum Sieg im Wettkampf mit Harvard verholfen haben. Laut einem US-Sportarzt sei man dazu übergangen, vor athletischen Wettkämpfen "das ganze Bestrahlen trainierender Sportsleute durchzuführen".
Daraufhin entzündete sich eine erste UV-Debatte im deutschen Sport, nach dem Urteil des amerikanischen Dopinghistorikers John Hoberman eine "Lehrbuchkonfrontation zwischen den Antidopingpuristen und ihren modernen Gegnern, für die die Leistung erste Priorität war". Während Worringen diese Methode ablehnte, weil der "häufige Gebrauch von ultravioletten Strahlen zu Schädigungen führen kann", wurde sie von anderen Wissenschaftlern befürwortet. Da nur "natürliche Lebensvorgänge durch diese Bestrahlungen verstärkt" würden, sei es unzulässig, diese Methode mit Dopingmitteln gleichzusetzen, erwiderte der Geheime Sanitätsrat Hugo Bach. Einige Wissenschaftler behaupteten, UV-Bestrahlung verbessere auf Kurzstrecken die Leistung. Bei Olympia 1928 in Amsterdam sollen UV-Therapien üblich gewesen sein.
Die Lichttherapie war auch Gegenstand der ersten bundesdeutschen Dopingdebatte im Jahr 1952. Der Leiter der sportärztlichen Abteilung der Sporthochschule Köln, Bruno Spellerberg, sah darin kein Doping. Stattdessen lobte er die gesundheitsfördernde Wirkung: "Ein anzustrebendes Ziel wäre es, wenn allen Sportlern diese segensreiche Einrichtung künstlicher UV-Belichtungen in Sportschulen, Verbandsheimen, Trainingslagern und so weiter zugänglich gemacht werden würde. Eine entsprechende Empfehlung müsste dem Nationalen Deutschen und Internationalen Olympischen Komitee zugeleitet werden", forderte er in seinem Resümee.
Die aktuelle Erfurter Methode jedoch entspringt Versuchen im DDR-Leistungssport. Aus den Arbeiten des Sporthistorikers Giselher Spitzer geht hervor, dass Sportmediziner bereits Ende der 70er-Jahre damit experimentierten. Stasi-Berichte zeigen, dass ab Mai 1983 den Olympiakandidaten geringe Mengen Blut (45 Milliliter) abgenommen, mit UV-Licht bestrahlt und retransfundiert wurden. Vor allem im Ausdauersport Skilanglauf und Biathlon soll diese Methode angewandt worden sein. "Aus historischer Sicht kann kein Zweifel darüber bestehen, dass die Bestrahlung von Blut und die Rückführung in den Athletenkörper in der DDR als Dopingmittel angewendet wurden", sagt der Experte von der Humboldt-Universität Berlin.
Auch die Erklärung des Erfurter Arztes, diese Methode diene nur der Stärkung des Immunsystems, ist keineswegs neu. Das Gleiche behauptete der Österreichische Skiverband 2006. Und auch das, was der für die österreichischen Skilangläufer zuständige Mediziner damals dazu sagte, entspricht Thiemes Einschätzung: Die UV-Blutbehandlung sei "paramedizinischer Nonsens". Der aber nicht unbedingt völlig ungefährlich ist.
  • Aus der FTD vom 01.02.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
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