Montagabend dachten die Anhänger von Werder Bremen, dass sie das Schlimmste jetzt hinter sich hätten: Der Klub hatte zur Mitgliederversammlung in der vereinseigenen Turnhalle geladen, 260 Mitglieder von insgesamt rund 40.000 waren gekommen. Dort verkündete Geschäftsführer Klaus Allofs, dass die Lizenzspielerabteilung im abgelaufenen Geschäftsjahr 13,9 Mio. Euro Verlust gemacht habe. Zum ersten Mal seit vielen Jahren schreibt Werder rote Zahlen. Das war zwar unerfreulich, aber nicht so überraschend, nachdem Werder zwei Jahre lang nicht von internationalen Wettbewerben profitiert hatte.
Umso mehr wurden die Fans am Donnerstag eiskalt erwischt, und ganz Fußballdeutschland staunte über das neuste Gerücht: Klaus Allofs soll bereits zur Winterpause nach Wolfsburg wechseln. VfL-Aufsichtsratsmitglied Stephan Grühsem sagte der Nachrichtenagentur dpa: "Klaus Allofs ist mit seinem Profil ein Manager, der sicher jedem Klub gut zu Gesicht stehen würde." Weitere Kommentare lehnte Grühsem ab, der beim VfL-Mutterkonzern Volkswagen für die Kommunikation zuständig ist. VfL Wolfsburg sucht seit der Entlassung Felix Magaths nach einem neuen Manager.
Verlässt Allofs als Steuermann nun also ein sinkendes Schiff? Es wäre eigentlich nicht seine Art, soeben hat er auch Streitigkeiten mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Willi Lemke beigelegt und seinen Vertrag bis 2015 verlängert. Zudem muss man feststellen, dass Werder in Schieflage geraten, aber noch längst nicht vom Untergang bedroht ist. Seit seinem Dienstantritt 1999 hat Allofs viel richtig gemacht und wiederholt guten Instinkt bei seinen Transfers bewiesen. Der Ex-Profi und gelernte Versicherungskaufmann holte Spieler wie Claudio Pizarro, Johan Micoud, Miroslav Klose, Diego oder auch Mesut Özil für verhältnismäßig kleines Geld. Spieler, die den Verein auf eine neue Stufe hoben. Der Bremer Sportdirektor bezeichnete sich als "Mann für unvernünftige Gedanken" in einem Klub, der bislang weitgehend das Risiko gescheut hatte.
In enger Abstimmung mit Trainer Thomas Schaaf hat er eine beachtliche Erfolgsgeschichte an der Weser geschrieben: Das Double aus Meisterschaft und Pokal (2003/04), sechs Mal an der Champions League teilgenommen, 2009 erreichte Bremen das Finale des Uefa-Cups und gewann im selben Jahr den DFB-Pokal.
Aber in den vergangenen Jahren schien dem 55-Jährigen der Riecher abhanden gekommen zu sein. Er holte kaum noch Spieler, die Werder sportlich weiterhalfen, 2010 wäre der Klub fast abgestiegen. In Allofs Amtszeit fällt auch der größte Flop der Vereinsgeschichte. Der Brasilianer Carlos Alberto kam für mehr als 8 Mio. Euro an die Weser und entpuppte sich als schwer erziehbarer Rüpel, der kaum zum Einsatz kam. Auch die zuletzt getätigten Transfers wie Marko Arnautovic oder der zu Saisonbeginn für mehr als 5 Mio. Euro verpflichtete Eljero Elia erwiesen sich nicht wirklich als Glücksgriffe.
Einen Wechsel nach Wolfsburg hat Allofs auf jeden Fall am Donnerstagabend dementiert, ihm läge kein Angebot vor. Zur Lage in Bremen gab er ehrlich zu: "Wir fühlen uns nicht wohl in unserer Haut - aber es besteht kein Grund zur Panik, Werder Bremen ist schuldenfrei." Das Minus könne aus Rücklagen beglichen werden. Andere Vereine wären darüber wohl froh - zum Beispiel der trotz Champions-League-Beteiligung mit 182,1 Mio. Euro Verbindlichkeiten belastete Verein Schalke 04, bei dem Werder am Samstag antritt. Allofs sprach von einem schwierigen Spagat: Einerseits müsse Werder den Konsolidierungskurs fortsetzen, andererseits dürfe man den sportlichen Erfolg nicht aus den Augen verlieren.
Die Vorbereitung lief gut, das erste Saisonspiel in Dortmund war trotz Niederlage vielversprechend. Werder gewann gegen den HSV, verlor beim Kellerkind Augsburg, hatte gegen Bayern keine Chance, fertigte Mönchengladbach mit 4:0 ab und patzte beim Aufsteiger Greuther Fürth.
"Mittelfristig wollen wir wieder in den internationalen Wettbewerb, aber wir haben nichts dagegen, wenn es schneller geht", sagt Allofs. Aber ist Werder tatsächlich für höhere Aufgaben gerüstet? In der Offensive ist es bisweilen ansehnlich, was Werder zustande bringt, in der Defensive macht die Mannschaft zu viele Fehler. Schaaf hat trotz manch berauschender Momente die Balance nie hinbekommen. Früher konnte er sich darauf verlassen, dass es Klose, Ailton, Klasnic, Diego, Micoud oder Özil schafften, aus einem 0:2 ein 5:2 zu machen. Petersen, Füllkrug, Arnautovic & Co. sind den Beweis noch schuldig geblieben, Spiele drehen zu können.
Immerhin hat Werder Aaron Hunt, der sich vom Sorgenkind zum Anführer gemausert hat. "Früher konnte er sich hinter anderen verstecken, heute übernimmt er Verantwortung und ruft sein enormes Potenzial auch ab", lobte Allofs. Auch der Bereich Sponsoring ist erfolgreich, in der laufenden Saison sind bereits 3 Mio. Euro an Mehreinnahmen gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen. Um es mit Innenverteidiger Sebastian Prödl nach dem Erfolg gegen Mainz 05 am vergangenen Sonntag zu sagen: "Wir müssen es schaffen, vom Wundertütenmodell zum Qualitätsmodell zu kommen."