Die Ausraster haben Methode. Chisora hatte einen Tag zuvor Klitschko beim Wiegen mit einer wuchtigen Schelle geohrfeigt. Tags darauf, unmittelbar vor Kampfbeginn, nahm er einen großen Schluck aus seiner Wasserflasche und spuckte diesen Vitalis Bruder Wladimir ins Gesicht. "Vor deinen sportlichen Leistungen habe ich Respekt, vor dir als Mensch nicht", herrschte Klitschko den Rivalen an.
50.000 Dollar Strafe hat der Weltverband WBC Chisora für die Ohrfeige bereits aufgebrummt; für das Spucken und die Schlägerei reichen Geldbußen indes nicht mehr aus. Auch Haye steht am Pranger. Er führte den ersten Schlag bei der nächtlichen Prügelei, nachdem er sich mit Chisora bepöbelt hatte. Allerdings hat Haye seit seinem offiziellen Rücktritt vor rund vier Monaten ohnehin keine Boxlizenz mehr.
Fast untergangen war in der Skandalnacht der Sport. Vitali hatte gewonnen, aber nicht wie immer. Denn sein 44. siegreicher Kampf gehörte nicht zu den Sternstunden. Erst später wurde klar, warum. Der 40-jährige Ukrainer hatte sich in der vierten Runde eine Schulterverletzung zugezogen. "Acht Runden habe ich den Kampf ohne linke Hand bestritten. Ich kann den linken Arm nicht mehr bewegen", sagte der Zweimeter-Hüne, der in der Tat die linke Pranke permanent bewegungslos hängen ließ.
Chisora war zudem der mutigste Rivale, den Klitschko in den vergangenen Jahren vor den Fäusten hatte. Wie ein Terrier griff der 28 Jahre alte Engländer unaufhörlich an. Dennoch fiel das Punkturteil (118:110, 118:110, 119:111) eindeutig aus, wenngleich zu hoch.