Sir Dave Richards frequentiert schon so lange die Korridore der Macht, dass niemand mehr genau weiß, wie der 68-Jährige dort hinkam. Als Vorstandsmitglied des englischen Fußballverbands und Vorstandsvorsitzender der Premier League hat er viel zu sagen, öfters auch zu viel.
Im März, bei einem Besuch in Katar, forderte er die Scheichs beispielsweise wörtlich auf, vor dem Problem des geplanten Alkoholverbots bei der WM 2022 "nicht den Kopf in den Sand zu stecken", und wetterte zugleich in Kolonialherrenart auch gegen Fifa und Uefa, die England, dem Erfinder des Fußballs, den Sport vor 50 Jahren "gestohlen" hätten. Ein abendlicher Sturz in ein Wasserbecken rundete die diplomatische Glanzleistung in der Wüste ab.
Als Sir Dave vor ein paar Tagen im Krakauer Mannschaftshotel seine Meinung zu Nationaltrainer Roy Hodgson kundtat, rechneten Verband und Liga mit dem Schlimmsten. Doch der knorrige Funktionär zeigte sich von seiner lieblichsten Seite. "Einzigartig" sei der Zusammenhalt im Team, "die Kameradschaft hinter den Kulissen ist unglaublich", sagte er. Das alles habe man Hodgson zu verdanken, der das gleiche Talent "wie König Midas" besitze. Was der 64-Jährige anfasse, werde wie bei der mythologischen Figur zu Gold, meinte Sir Dave.
Das Bild passt. Denn der seit sieben Wochen amtierende Coach hat sich als eine Art Fußballalchemist erwiesen: aus recht überschaubaren Mitteln und Materialien hat er Erstaunliches gezaubert. Vier seiner ersten fünf Spiele hat er gewonnen, dazu in der Gruppe D als Erster abgeschnitten. "Niemand hat vorher an uns geglaubt, aber wir kommen jetzt genau zur richtigen Zeit in Fahrt", sagte Kapitän Steven Gerrard nach dem 1:0 gegen die Ukraine.
Bei dem nicht gegebenen Tor von Marko Devic habe man Glück gehabt, räumte der Trainer ein, "unsere Leistung war nicht fantastisch", gab Gerrard zu. England hatte wie in den Partien zuvor gehörig gewackelt, bevor und nachdem Wayne Rooney den entscheidenden Treffer erzielte. Interessanterweise sind es aber genau jene Fehler und Mängel, die diese Elf in der Heimat so beliebt machen.
Der unentwegt rennende, kämpfende Gerrard; der hochanständige Zerstörer Scott Parker; Verteidiger John Terry, der mit gewaltigem Einsatz hinten jene Situationen bereinigt, die er ein paar Meter vorn selbst heraufbeschworen hat - sie sind die prägenden Figuren in einem Team, das ständig mit dem Feuer spielt, aber mit löwenhafter Courage um jeden Millimeter kämpft. Die fast masochistische Kontertaktik verlangt große Leidensfähigkeit bei Akteuren und Publikum. Insgeheim will man es so: Fußball macht aus britischer Sicht erst richtig Spaß, wenn es etwas wehtut.
Den Midas-Vergleich darf man auch als Abrechnung mit den Vorgängern Sven-Göran Eriksson und Fabio Capello verstehen. Sie hatten aus sehr viel Gold - in Form von Millionengehältern und Starspielern - viel Blech gemacht. Die beiden Ausländer standen für Englands im Nachhinein als töricht empfundene Sehnsucht, sich vom eigenen, als unmodern empfundenen Spiel zu emanzipieren. "Wie wäre es denn, wenn wir einen anständigen Trainer holen und einfach nur wir selbst sind, so wie jetzt!", sagte der BBC-Experte Steven Claridge zur überstandenen Identitätskrise.