Und als sei das der Nettigkeiten nicht genug, hatte Löw zuvor in einem Interview formuliert, was er von der eigenen Elf erwartet: "Respektvollen Umgang miteinander, Bescheidenheit, Toleranz, Kommunikation, auch die Auseinandersetzung mit Kritik." Teamkollege Müller verzeiht Argentiniens Nationaltrainer Diego Maradona obendrein sogar, dass der ihn beim Freundschaftsspiel im März mit einem Balljungen verwechselt hatte. Alles viel zu brav vor so einem wichtigen Spiel - das ist es wohl, was Schweinsteiger mit seinen rüden Worten dem deutschen Team mitgeben wollte.
Das Viertelfinale 2006 hatte Müller als Teenager auf einer Fanmeile erlebt. Für das Spiel am Samstag zeigt er sich optimistisch. Vielleicht weil sein Gegenspieler Gabriel Heinze heißen wird. Der 32-Jährige läuft die 100 Meter in gefühlt 18 Sekunden und wäre damit ein passendes Opfer für den 20-jährigen, schnellen Müller.
Schnelligkeit ist ohnehin ein Merkmal der deutschen Elf und hat sich, wie Löw betont, auch schon im Achtelfinale ausgezahlt. Gefragt, warum die Engländer trotz ihrer schwierigen Lage so wenige Fouls begangen hatten, antwortete der Bundestrainer: "Weil unsere Spieler zu schnell für sie waren." Das war auch nicht furchtbar korrekt, aber den Engländern wird es egal sein - sie haben andere Probleme.
Im deutschen Lager muss man die Probleme dagegen mit der Lupe suchen. Mit gutem Willen stößt man dann auf Meinungsverschiedenheiten zwischen Löw und Co-Trainer Hans-Dieter Flick, von denen Löw am Mittwoch berichtete. Meist gehe es dabei um Standards. Die deutsche Elf hat bei Freistößen und Ecken bislang keine Gefahr entfaltet, aber der Streit der beiden Trainern dreht sich eher darum, ob das 1:0 gegen England nun einer Standardsituation entsprang oder nicht. Flick findet: ja. Abstoß Neuer, Tor Klose, klarer Fall. Ins Gelächter hinein kündigte Löw dann noch an, man werde bis zum Spiel noch an den Freistoßvarianten feilen, "das ist bisher etwas auf der Strecke geblieben".
Bei den Deutschen herrscht also auch drei Tage nach dem Triumph über England noch eitel Sonnenschein, und die Freude wird ja noch größer. Für Samstag hat neben dem verletzten, eigentlichen Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack auch Kanzlerin Angela Merkel ihr Kommen angekündigt. "Wir alle sind Fans von ihr", verriet Löw, weil Merkel bei ihren Besuchen stets für gute Laune gesorgt hätte. Für Frauen scheint es einfach, die Herzen der Nationalspieler zu öffnen. Dem kolumbianischen Popstar Shakira ist das sogar im Flug gelungen. Sie hatte die Reise nach Südafrika mit dem Team in derselben Maschine angetreten und war mit einigen Kickern ins Gespräch gekommen. "Jetzt sind wir auch Fans von Shakira", grinste Löw. An diesem Punkt würde ihm nicht einmal Bastian Schweinsteiger widersprechen.