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  Südafrika 2010 FTD-Serie: WM am Kap der guten Hoffnung

Bei der Fußballweltmeisterschaft in diesem Jahr hofft Deutschland wieder auf den Titel. Doch etliche andere Nationen haben mindestens so gute Voraussetzungen wie die DFB-Elf. FTD.de analysiert in einem Spezial die Chancen, verfolgt alle Spiele rund um die WM und präsentiert Fakten, Neuigkeiten und Hintergründe.

Merken   Drucken   21.06.2010, 14:57 Schriftgröße: AAA

Wut auf den Trainer: Englands Terry wetzt die Messer gegen Capello

Sein Englisch sei "nicht so gut", er schreie viel und stelle die falschen Spieler auf: Englands Verteidiger John Terry knöpft sich "im Auftrag der Mannschaft" den Coach vor - und will die Macht an sich reißen. von Raphael Honigstein, Phokeng
Auf dem Weg von Rustenburg zum Royal Bafokeng Sports Campus kann man von der R556-Landstraße zum "Phokeng Trauma Centre" abbiegen, aber die erste Pressekonferenz nach dem grausamen 0:0 gegen Algerien fand am Sonntagmorgen doch wie gewohnt auf dem Trainingsgelände der Engländer statt. Ursprünglich war Gareth Barry (Manchester City) als Sprecher vorgesehen. Der Ernst der Lage ließ den Verband jedoch umdenken: anstatt des unverfänglich plaudernden Mittelfeldspielers wurde Mr. Löwenherz persönlich aufs Podest gebeten, um die Kampfmoral der entmutigten Truppe wiederherzustellen.
John Terry spricht auf dre Pressekonferenz   John Terry spricht auf dre Pressekonferenz
Ankündigung der Machtübernahme
Und John Terry enttäuschte sein Publikum nicht. Tatsächlich bekam die Football Association (FA) vom ehemaligen Kapitän weitaus mehr, als sie sich erhofft hatte: nämlich die kaum getarnte Ankündigung einer Machtübernahme. Aber der Reihe nach. Der Chelsea-Verteidiger hatte wie erwartet mit schonungsloser Selbstkritik begonnen. Die Leistung sei "inakzeptabel" gewesen, sagte der 29-Jährige, "es war frustrierend für den Trainer, dass er weder Einsatz noch Wille gesehen hat". Fabio Capello habe in der Kabine seine Wut an allerlei Gegenständen ausgelassen, an dieser Einstellung sollten sich die Spieler ein Beispiel nehmen, forderte der Innenverteidiger.
Er selbst würde in den nächsten Tagen alles dafür tun, um die "verunsicherten" Kollegen vor dem Schicksalsspiel gegen Slowenien am Mittwoch wieder aufzurichten. "Ich will nicht den schlimmsten Abend meiner Fußballkarriere erleben", sagte er und ließ danach durchblicken, dass er sich auch ohne Binde weiter als natürlicher Anführer der Mannschaft verstehe. Für ihn habe sich nichts verändert. "Ich bin geboren, um diese Sachen zu machen, und werde weiter in der Kabine und auf dem Trainingsplatz den Ton angeben. Das kann mir niemand wegnehmen."
Großes Spezial zur Fußball-WM
Auf englische Medienberichte über ein unzufriedenes Raunen in der Mannschaft und eine angebliche Entfremdung von Capello angesprochen, blieb er zunächst noch in Deckung. "Ich bin nicht hier, um den Trainer infrage zu stellen", sagte Terry, "ich bin hier im Auftrag der Mannschaft, um zu sagen, dass wir alle hinter ihm stehen." Ganz genau, und zwar mit Messern in der Hand: Im separaten Briefing mit den englischen Tageszeitungen untergrub Terry hinterher mit vielen kleinen Nebensätzen die Autorität des Trainers, der ihn im Frühjahr nach einer Sexaffäre vom Kapitänsamt befreit hatte.
Capellos Englisch sei ja leider "nicht so gut", erzählte Terry, außerdem würde der Coach viel schreien - "nicht immer, aber in neun von zehn Fällen". Im Anschluss an den spielerischen Totalausfall in Kapstadt hätten Team und Coach sich "erstmals" zu ein paar Bierchen zusammengesetzt, klagte er und versprach erstaunlich vollmundig eine offene Aussprache in der nächsten Mannschaftssitzung. Jeder müsse seine Meinung offen sagen, verlangte er, und Dinge müssten offen zur Sprache kommen. "Ob das den Trainer oder einen Spieler stört, ist mir egal." Vielleicht müsse danach der eine oder andere Spieler wie Nicolas Anelka nach Hause fahren, lachte er. Dieser Witz wäre vor einigen Monaten undenkbar gewesen, und er zeigte, inwieweit Terry seine Position gestärkt sieht. Capellos Vertrauenskrise ist seine Chance - und seine späte Rache.
Was er konkret ändern würde, machte Terry bei dieser Gelegenheit auch deutlich. Sein Kumpel bei Chelsea, Joe Cole, gehöre in die Startelf, sagte er, "er ist neben Wayne (Rooney) der Einzige im Team, der das Spiel öffnen und gefährliche Situationen heraufbeschwören" könne.
Die bisher von Capello eingesetzten Flügelstürmer Aaron Lennon (Tottenham) und Shaun Wright-Philips (Manchester City) werden diese kollegiale Einschätzung mit Freude zur Kenntnis nehmen.
Terry hat sich und die Mannschaft mit seinem Auftritt auf Kollisionskurs mit dem in Fußballfragen eher diktatorisch veranlagten Capello gebracht - und scheint das Nachsehen zu haben. "Don Fabio" ließ den verbitterten Ex-Kapitän kühl abblitzen, seine Mitverschwörer verweigerten dem Meuterer die Gefolgschaft. "Ich bin kein Rebell, es gibt keine Rebellengang", versicherte der vermeintliche Co-Putschist Lampard am Montag.
Capello hatte zuvor eine Aussprache strikt verweigert. "Niemand spricht", habe der Italiener bei einer Teamsitzung angeordnet, um dann die Algerien-Qual auf Video vorzuführen. Der Knall könnte die Spieler von ihren Ängsten befreien - oder alles in die Luft gehen lassen.
  • Aus der FTD vom 22.06.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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