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Merken   Drucken   03.06.2008, 11:30 Schriftgröße: AAA

Der EM-Ball 2008 - Licht und Schatten

Ein Endspiel-Teilnehmer der Fußball-Europameisterschaft am 29. Juni in Wien steht schon fest: Das offizielle Spielgerät der Akteure auf dem Rasen heißt "Europass". Wie sein WM-Vorgänger "Teamgeist" kann auch auch der Euro-Ball nicht alle begeistern. Vor allem ein deutscher Spieler ist mehr als unglücklich.
Der Name des offiziellen Spielballs der EURO 2008 ist «EUROPASS».   Der Name des offiziellen Spielballs der EURO 2008 ist «EUROPASS».
Passend zu den alpinen Gastgeber-Ländern Österreich und Schweiz haben ihn seine Väter bei adidas in Herzogenaurach "Europass" getauft. Wie bei seinem Vorgänger bei der WM 2006 in Deutschland, dem "Teamgeist", sind die Panels beim EM-Spielball nicht mehr vernäht, sondern komplett thermisch verklebt. Neu entwickelt hat das "adidasInnovation Team" im fränkischen Scheinfeld die Oberfläche des Balls.
"Die feine Microstruktur erzeugt auf der Außenhaut des Balles eine Art 'Gänsehaut-Effekt'", beschreibt Chefdesigner Thomas Weege die Neuerung. Die adidas-Ballexperten sprechen von einer PSC-Texture. Die Buchstaben stehen für bessere Kraftübertragung (Power), mehr Effet (Swerve) und mehr Kontrolle (Control). Bei Regen sorgt die neue Oberflächenstruktur dafür, dass das Wasser abperlt. "Der WM-Ball hatte noch eine glatte Struktur und war bei Nässe entsprechend glitschig", erinnert der 38-Jährige. Durch die neue Struktur wird, so Weege, eine optimale Griffigkeit zwischen Ball und Fußballschuhen bzw. den Handschuhen des Torhüters gewährleistet. "Das verleiht jedem Spieler mehr Kontrolle über den Ball und macht das Verhalten des Balles auch bei widrigsten Witterungsverhältnissen berechenbar."
Jens Lehmann hat seine Probleme mit dem "Neuen"   Jens Lehmann hat seine Probleme mit dem "Neuen"
Lehmann ist unzufrieden
Der EM-Ball. Wie seine Vorgänger wird auch der "Europass" von Hersteller adidas als "bester Fußball aller Zeiten" gelobt, gleichzeitig sorgt er aber bereits im Vorfeld für hitzige Diskussionen.
So grummelte der deutsche Nationaltorwart Jens Lehmann auch dem 2:2 im Test gegen Weißrussland: "Der Ball ist sehr schwierig für mich. Er fliegt noch unregelmäßiger als sein Vorgänger." Das war der WM-Ball "Teamgeist" - und schon an dem hatte der 38-Jährige vor zwei Jahren kein gutes Haar gelassen und die Torhüter als "Leidtragende" der immer schneller und immer unberechenbarer werdenden Fußbälle bezeichnet.
Die Aussagen von Lehmann kontert kein Geringerer als Dauerrivale Oliver Kahn. Der Münchner hat sich in seiner letzten Bundesliga-Rückrunde mit dem "Europass" angefreundet. Er sei deutlich besser als sein Vorgänger, meinte Kahn in der Bild: "Er ist außen mit winzigen Noppen besetzt. Die sorgen beim Torwart für eine große Grifffestigkeit. Ich habe auch nicht feststellen können, dass der Ball auf seiner Flugbahn mal ins Flattern kommt, wenn plötzlich der Wind dreht."
Die Kugel ist verdammt schnell In einem Punkt sind sich Kahn und Lehmann jedoch einig: "Die Kugel ist verdammt schnell." Das wiederum erfreut naturgemäß die Feldspieler, die zudem über das gute Verhalten am Boden schwärmen. "Für Dribblings ist der Ball ideal", sagte der deutsche Nationalspieler Philipp Lahm.
Der Grund dafür ist die besondere "Gänsehaut"-Oberfläche. Dank der feinen Noppenstruktur soll sich der "Europass" auch bei Regen präzise spielen lassen. Die Außenhülle des Balls besteht nur aus 14 Segmenten, die nicht zusammengenäht, sondern mit einer Thermo-Klebetechnik verbunden sind. Dadurch ist das "runde Leder" auch wirklich rund. Nur aus Leder bestehen die Bälle schon lange nicht mehr, sondern aus Kunststoff.
Die Herzogenauracher Macher wollen die Verkaufszahlen des "Roteiro" steigern, der als EM-Ball 2004 sechs Millionen Mal über den Ladentisch ging. An den Verkaufshit "Teamgeist", der sich weltweit über 15 Millionen Mal verkaufte, wird der "Europass" wohl nicht heranreichen. Produziert wird das neueste Modell in Thailand.
Mehr High-Tech als Ball Bevor ein Ball jedoch zum EM-Ball wird, muss er einen wahren Testmarathon mit High-Tech-Prüfgeräten bestehen. So wird der Ball 2000-mal mit einer Geschwindigkeit von 50 Kilometer pro Stunde gegen eine Stahlwand geschossen. Bei einem weiteren Test wird er bei regelmässiger Drehung 250-mal in einen Wasserbehälter gepresst. Ziel des Weltverbandes FIFA ist es, dass sich alle Bälle identisch verhalten und nach 90 Minuten Form, Umfang und Druck nicht verändern.
Die Kugel kostet für den Normalverbraucher im Handel etwa 120 Euro
Auch optisch ist der «Europass» harmonischer gestaltet als seine Vorgänger vom «Telstar» über den «Tango» bis zum «Roteiro» bei der EM 2004. «Dadurch wird seine Flugbahn für die Spieler noch besser einschätzbar», sagt Weege ungeachtet der Tatsache, dass Deutschlands Torwart Nr. 1, Jens Lehmann («Der Ball ist sehr schwierig für mich»), dem Fluggerät eine gewisse Flatterhaftigkeit unterstellte. Grundfarbe der Bälle für Vorrunde sowie Viertel- und Halbfinals ist ein helles, fast weißes Silber. Nur zum Finale am 29. Juni kommt der «Europass» mit dem Beinamen «Gloria» zum Einsatz, der sich durch seine kräftige silbrige Farbe von den Bällen für die anderen 29 Begegnungen abhebt.
Die roten Elemente auf dem weiß gehaltenen Untergrund symbolisieren die Landesfarben Österreichs und der Schweiz. Die Landesflaggen sind mit acht Kreisen in das Balldesign integriert. Zwölf große schwarze Punkte zeigen grafische Elemente, die die UEFA begleitend zum Logo der EM 2008 entwickelt hat. adidas-Vorstandschef Herbert Hainer und Markenchef Erich Stamminger haben die Entwicklung begleitet und versucht, ihre Vorstellungen einzubringen.
Weege und seine Kollegen, die an der Entwicklung des «Europass» mitgewirkt haben, mussten auch die Vorgaben der UEFA erfüllen. «Und das sind eine ganze Menge», betont Weege. «Das hat die Sache aber auch spannend gemacht.» Lange wurde auch an Namensgebung gefeilt. Zur Debatte standen auch Namen wie «Hochpass» oder «Steilpass», bis sich die Experten schließlich auf «Europass» einigten.
Ehe der Ball das Qualitätssiegel «FIFA Approved» erhielt, musste er im Innovationszentrum Scheinfeld umfangreiche Tests bestehen, um den besondern Ansprüchen gerecht zu werden, betont Markus Baumann. Er ist als Chef für das Fußball-Geschäft von adidas für mehr als eine Milliarde Umsatz pro Jahr verantwortlich. Pro Spiel wird im Schnitt 2000 Mal gegen den Ball getreten. Baumann: «Nach den Vorgaben der Verbände muss der Ball in der letzten Minute der Verlängerung noch dieselben Eigenschaften aufweisen wie in der ersten Spielminuten.»
  • FTD.de, 03.06.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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