Das 0:1 gegen den 1. FC Nürnberg vor gut 50 000 Zuschauern im heimischen Stadion war ein Offenbarungseid: Es läuft kaum etwas zusammen beim einzigen noch nie abgestiegenen Gründungsmitglied der Fußball-Bundesliga. Erst der Pokal-Rauswurf beim Drittligisten Karlsruher SC, jetzt die Heimpleite gegen den 1. FC Nürnberg. In dieser Form gehört der HSV zu den Abstiegskandidaten.
Trainer Thorsten Fink sieht das zumindest in der Öffentlichkeit anders. «Ich werde nicht müde, an die Mannschaft zu glauben», verkündete der 44-Jährige eine jener Parolen, die ihn ehren, die man ihm aber nicht so recht abnehmen will. «Wenn die Mannschaft ein Erfolgserlebnis hat oder mal in Führung geht, wird sie besser spielen», prophezeite der einstige Bayern-Profi. Seine frühere Trainerarbeit beim FC Basel mit dem Gewinn der Schweizer Meisterschaft muss Fink wie eine Wellness-Oase im Vergleich zum Hamburger SV vorkommen.
Es brodelt in ihm. Mit dem Schlusspfiff holte er verärgert zu einem Luftkick aus, so als ob er am liebsten das ganze Stadion zum Mond katapultiert hätte. «Von der Wahrnehmung her haben wir keine Weiterentwicklung», kommentierte der frühere Nationalspieler Marcell Jansen und kritisierte damit indirekt auch den Trainer. «Wir machen keinen Schritt nach vorn.» Mannschaften wie Nürnberg und Freiburg mit einem wesentlich geringeren Etat als der HSV «machen es uns vor», klagte Jansen. Lediglich der starke Neuzugang René Adler im Tor konnte überzeugen. ,
Fest steht: Dem HSV mangelt es an Klasse. Wer früher auf dem Rasen Lichtblicke hatte und Torinstinkt bewies, ist weg: Paolo Guerrero, Mladen Petric und auch Vorbereiter Gökhan Töre. Es fehlt die ordnende Hand im Mittelfeld, ein Ballverteiler, ein Torgefahr-Inszenierer. Petr Jiracek vom VfL Wolfsburg wird diese Rolle zugetraut. «Wir sind in Verhandlungen», bestätigte HSV-Sportchef Frank Arnesen. Rund vier Millionen Euro soll VfL-Trainer Felix Magath aufgerufen haben. Nach Informationen des «Sportclub» im NDR Fernsehen erwartet der HSV den Noch-Wolfsburger am Montag zum Medizin-Check in Hamburg.
Am Mittwoch darf der HSV einen anderen Neuen begrüßen. Vom kroatischen Meister Dinamo Zagreb kommt Milan Badelj. Der Vier-Millionen-Euro-Einkauf soll im defensiven Mittelfeld für Ordnung sorgen. «Der eine kämpft, der andere ist ein Spielmacher», beschrieb Arnesen die Vorzüge des Duos Badelj/Jiracek. Der HSV kann keine größeren Sprünge machen. Deshalb bleibt die Verpflichtung von Rafael van der Vaart, die seit Tagen durch Hamburger Medien geistert, ein Luftschloss.
Das Duo Arnesen/Fink steht auf dem Prüfstand. In dieser Saison müssen die Team-Macher einen Aufwärtstrend nachweisen. Club-Chef Carl-Edgar Jarchow will 45 Punkte sehen. In der vergangenen Saison reichten 45 Punkte für Platz acht. «Das waren jetzt zwei schlechte Spiele», fasste Arnesen die jüngste Bilanz zusammen. «Aber sind wir wirklich so schlecht?» Er sei schwer enttäuscht, meinte der Däne. «Aber mir ist nicht bange.»
Die Nürnberger konnten unterdessen den Dreier kaum fassen. «Wir hatten ein bisschen Glück», meinte Torschütze Hanno Balitsch und verkündete, gegen Meister BVB am nächsten Wochenende werde es viel leichter. Balitsch: «Alles andere als ein klarer Sieg der Dortmunder wäre eine Überraschung.» Aber die Nürnberger lieben Überraschungen.