Auch wenn der Suizid-Versuch von Schiedsrichter Rafati andere Gründe haben kann, sieht sich die Branche gewarnt. Der zugespitzte Kampf um Titel, Geld und Karriere steigert den Druck. Nicht alle halten stand. Ein sicheres Gegenmittel hat auch im Fußball niemand.
Hannovers Torhüter Robert Enke beging 2009 Suizid. Foto: Jochen Lübke
«Weiter, weiter, immer weiter.» Das vielzitierte Motto des einstigen Torwart-«Titans» Oliver Kahn steht für den deutschen Profifußball samt aller Beteiligter längst auch als Warnung. Nicht nur nach dem Drama um Bundesliga-Referee Babak Rafati, dessen Selbsttötungsversuch nach unbestätigten Medieninformationen auch persönliche Gründe haben könnte, ringt die Branche verstärkt mit vielen Fragen: Sind Depressionen, Versagensängste, Burnout oder Suchtabhängigkeit unabdingbare Begleiter der Jagd nach immer mehr Toren, Erfolgen, Verträgen, Zuschauern, TV-Übertragungen und Millionen-Gagen?
Natürlich sei jeder Betroffene zu viel, sagte Liga-Präsident Reinhard Rauball: «Aber man kann nicht sagen, dass der Fußball in eine falsche Richtung läuft.» In anderen Bereichen wie Politik, Showbusiness gäbe es derartige Probleme auch.
DFB-Schiedsrichter-Chef Herbert Fandel sieht seine Referee-Kollegen durchaus in einer besonderen Rolle. «Babaks Beweggründe kenne ich noch nicht. Grundsätzlich gilt: Ich kenne keinen Personenkreis, der höherem Druck ausgesetzt ist, als Bundesligaschiedsrichter», sagte er der «Bild»-Zeitung. Der Schiedsrichter sei eine Führungskraft. Er trage während eines Spiel eine immense Verantwortung. «Der Umgang der Öffentlichkeit mit ihm steht dazu aber häufig in krassem Gegensatz.»
Die beiden ehemaligen FIFA-Referees Bernd Heynemann und Jürgen Aust sprachen sich gegen die Benotung von Schiedsrichtern aus. «Die Punktnoten, die in den Sonntags- oder Montagszeitungen vergeben werden, die spiegeln nicht die Leistungen eines Schiedsrichters wider», sagte Aust in dem WDR-Hintergrundmagazin «Sport Inside», «und ich glaube nicht, dass die Benotung Einfluss hat» .
Für Rainer Domberg, Vertrauensmann des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), ist der Druck allerdings kein entscheidendes Problem für die Schiedsrichter. «Es gab bisher noch niemanden, der sich über den Druck oder den Stress beklagt hat», sagte Domberg und ergänzte: «Es gibt nicht so viele Probleme bei Schiedsrichtern, wie es im Moment nach außen den Anschein hat.»
«Der Fußball als Profigeschäft, der derart stark im öffentlichen Fokus steht, ist ein Geschäft, das einen hohen Druck macht. Damit müssen Spieler, Schiedsrichter, Trainer umgehen lernen, das wird man aus dem Fußball nicht rausbekommen», analysierte Sportpsychologe Andreas Marlovits im Hörfunksender WDR 2. Marlovits war nach dem Suizid von Nationaltorwart Robert Enke als Psychologe für Hannover 96 im Einsatz und arbeitet heute für mehrere Bundesligisten. «Ich glaube, grundsätzlich hat sich in der Szene noch relativ wenig verändert», sagte der Sportpsychologe.
Der Suizid des an schweren Depressionen erkrankten Enke hatte vor zwei Jahren Vereine, Verbände und Fans gleichermaßen in einen Schockzustand versetzt. Doch wie in vielen anderen Lebensbereichen der modernen Gesellschaft ging der Wettlauf auch im Fußball quasi ungebremst weiter. Die 36 Profivereine verzeichneten bis zum vergangenen Jahr sechs Umsatzrekorde nacheinander, mehr als zwei Milliarden Euro werden in der 1. und 2. Liga inzwischen pro Saison umgesetzt. Die Stars werden mit Millionen-Gagen geködert.
Keiner schafft es mehr, den Leistungsfußball «in eine richtige Balance zu bringen», musste DFB-Präsident Theo Zwanziger eingestehen: «Der Druck auf die Schiedsrichter, aus den unterschiedlichsten Gründen, ist ungeheuer hoch. Und überhaupt im Leistungssport ungeheuer hoch.»
Noch bessere Hilfe und psychologische Unterstützung sind für Marlovits die entscheidenden Mittel, um dem wachsenden Druck im Profifußball zu begegnen. «Entscheidend ist, dass man Hilfssysteme zur Verfügung stellt, wo dann Spieler, Trainer und Schiedsrichter Unterstützung erfahren. Ein Weg ist, Sportpsychologen den Vereinen zur Verfügung zu stellen, wohin sich Spieler, auch Trainer wenden können», sagte der Psychologe.
Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), warnte nach dem Rafati-Drama davor, die zuletzt in der Bundesliga bekanntgewordenen Fälle «über einen Kamm zu scheren». Der Sport und der Fußball seien Teil dieser Gesellschaft mit allen Stärken und Schwächen und allen Problemen, bemerkte Vesper und bescheinigte dem DFB durchaus einen umsichtigen Umgang mit den vielschichtigen Problemen. «Der einzige Unterschied ist, dass die Probleme in der Bundesliga von einer sehr viel größeren Öffentlichkeit wahrgenommen werden», sagte der Sportfunktionär.
«Der Druck in dem Geschäft ist sehr hoch. Da braucht man nicht drüber zu reden», betonte Hoffenheims Manager Ernst Tanner. «Man sollte jetzt erstmal abwarten, was dazu geführt hat, und dann schauen, wie man ihn wieder integrieren kann», bemerkte der Funktionär zur Tragödie um Rafati. Der Deutsch-Iraner konnte am Montag das Kölner Krankenhaus verlassen, unterzieht sich aber einer weiteren stationären Behandlung. «Wir hoffen, dass es ihm bald besser geht und dass er eines nahen Tages wieder als Schiedsrichter auf dem Spielfeld zu sehen ist», betonte Rauball.
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