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Merken   Drucken   20.10.2010, 10:00 Schriftgröße: AAA

Internationale Bewährungsprobe: Besuch von Hammer und Sichel

Schalkes Champions-League-Gegner Hapoel Tel Aviv ist etwas Einmaliges in Europas Spitzenfußball: ein Klub, der sich als kommunistisch definiert. von Andreas Morbach, Köln
So einfach wie vor einem Jahr in Hamburg haben es die Fans von Hapoel Tel Aviv diesmal nicht. Im letzten Herbst, beim Duell mit dem HSV in der Europa League, konnten die Fußballanhänger aus Israel nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf die Kontakte zu ihren Verbündeten vor Ort bauen: Im eigenen Fanladen hatten sich rund 200 der etwas härteren St.-Pauli-Fans mit Tickets für den Gästeblock versorgt - eine spezielle Form der Gastfreundschaft, die Hapoels Gefolgschaft vor dem Auftritt am Mittwoch ihres Team bei Schalke 04 (20.45 Uhr, Sky, Sat 1) aber verwehrt blieb.
Die Schalker stehen nach der Negativserie in der Bundesliga unter ...   Die Schalker stehen nach der Negativserie in der Bundesliga unter Zugzwang
Die linke Gesinnung des Gegners aus Tel Aviv ist gar nicht bis nach Gelsenkirchen vorgedrungen. Das aktuelle Stadionheft, in dem gerade internationale Kontrahenten der Schalker stets in lobenswerter Breite vorgestellt werden, belässt es bei einem knappen Hinweis auf Hapoels Wurzeln in der israelischen Arbeiterbewegung. Darüber hinaus teilte die S04-Pressestelle am Dienstag auf Anfrage mit: keinerlei Fankontakte zwischen Schalke und Hapoel bekannt. 1000 der 2700 für Tel Aviv reservierten Plätze bleiben unbesetzt.
Alles ganz entspannt also - und damit anders als in Israels Fußball. Dort ist Fußballfansein nicht nur eine nette Wochenendbeschäftigung, sondern ein politisches Bekenntnis. Allen voran bei Klubs wie Beitar Jerusalem, dessen Fans in der Vergangenheit durch araberfeindliche Gesänge in Verruf gerieten. Oder bei Maccabi Tel Aviv, dem nationalen Fußballkrösus, dessen zutiefst patriotische Anhängerschaft vor Heimspielen gerne die israelische Hymne anstimmt. Oder bei Maccabis Ortsrivalen Hapoel, dessen Logo seit der Vereinsgründung im Jahr 1927 ein Sportler ziert, der fest von Hammer und Sichel umschlossen ist.
Das hebräische "Hapoel" steht für Arbeiter - und ihren Ruf, tiefrote Vertreter einer israelischen Fußballenklave zu sein, hat sich der Verein hart erarbeitet. Die Anhänger von Beitar Jerusalem beschimpfen Hapoels Sympathisanten gern als "Faschisten", vor zwei Jahren kam es zu einer wüsten Prügelei zwischen den Fans beider Klubs.
Die offizielle Verbindung zwischen Hapoel Tel Aviv und der israelischen Arbeiterpartei besteht zwar nicht mehr. Doch werden sie bei irgendeinem Spiel in Israel von der gegnerischen Seite mal wieder als "kommunistische Verräter" bezeichnet, empfinden die Hapoel-Fans dies fast wie einem Ehrentitel. In der Geldvermehrungsmaschinerie Champions League wirkt ein Klub, der derart rotsieht, zwar wie ein Trappistenmönch beim Rosenmontagsumzug - was ihren Cheftrainer aber nicht daran hindert, auch nach den beiden Auftaktniederlagen in Lissabon (0:2) und gegen Lyon (1:3) noch von einem längeren Aufenthalt in der Königsklasse zu träumen.
In der heimischen Liga Haal geht es Chefcoach Eli Guttman, dessen Familie deutsche Wurzeln hat und dem sie in Israel wegen seiner Freude an Disziplin den Beinamen "der Deutsche" verpasst haben, mit Rang fünf nach sechs Spieltagen deutlich besser als dem Kollegen Felix Magath auf Schalke - aber noch nicht wirklich gut. Immerhin: Am Samstag hat die Guttman-Elf Maccabi Tel Aviv im Lokalderby mit 1:0 geschlagen. Viel mehr Genugtuung geht für die Fußballkommunisten vom Mittelmeer bekanntlich kaum. Außer natürlich mit einem Sieg über Beitar Jerusalem.
  • Aus der FTD vom 20.10.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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