In Asien zelebrieren sie derzeit das Jahr des Drachen, in der Formel 1 das der Dramen. Das Nachtspektakel der Formel-1-Saison ist das von den Bildern her spektakulärste Rennen der Saison, vom Rennverlauf allerdings weniger. Wenn da an diesem Sonntag nicht der eine große Bang gewesen wäre, der die Weltmeisterschaft wieder etwas spannender macht: Sebastian Vettel erbte seinen zweiten Saisonsieg durch eine Panne am McLaren von Lewis Hamilton, Zweiter wurde Jenson Button, Dritter WM-Spitzenreiter Fernando Alonso. Nach dem 14. WM-Lauf deutet alles auf eine Neuauflage des großen Duells von 2010 hin - Alonso gegen Vettel, Ferrari gegen Red Bull.
Die maximale Renndauer von zwei Stunden war beim Großen Preis von Singapur erreicht, bevor die letzten zwei der angesetzten 61 Runden noch gefahren werden konnten. Was zäh begann, nahm reichlich Tempo auf - einige Rad-an-Rad-Duelle waren ein gutes Argument für die gerade verkündete Vertragsverlängerung um weitere fünf Jahre. WM-Spitzenreiter Alonso hatte sich einmal mehr in cleverer Schadensbegrenzung geübt, er behält mit seinen 194 Zählern jetzt immer noch 29 Punkte Vorsprung auf Vettel.
Vettel hat nicht nur seinen Vorjahressieg auf der wohl anstrengendsten Fahrerstrecke des Jahres wiederholt, sondern nebenbei mit seinem nun 23. Grand-Prix-Erfolg auch Platz zehn der ewigen Bestenliste errungen. Zu dieser sportlichen Trotzsituation passte der Blinke-blinke-Helm, den er gestern trug, perfekt. "Jungs, dieser Sieg ist für euch", funkte der Heppenheimer an die Box, und Teamchef Christian Horner bedankte sich: "Wunderschön gemacht, du bist zurück im Titelrennen!" Später hatte der Weltmeister auf dem Podium Tränen in den Augen. "Das ist eine unglaubliche Saison für uns alle", sagte er mit einem Seitenblick auf Alonso zur Frage, ob sich die Geschichte jetzt wiederholt. Fakt ist: Red Bull ist mit diesen Reifen und diesem Tempo wieder auf Augenhöhe mit McLaren. "Das hat unglaublich viel Spaß gemacht, mein Auto wurde immer besser, immer stärker. Hat ja auch lange gedauert, bis ich mal wieder ein Rennen gewinne", freute sich Vettel.
65 Prozent Luftfeuchtigkeit, 35 Prozent Spannung: Äußerst unauffällig verlief der Start, hinter Hamilton preschten Vettel und Jenson Button an Pastor Maldonado vorbei, als wäre der nur als Placebo auf der zweiten Startposition geführt worden. Alonso hielt sich auf dem fünften Rang. So ging es Runde um Runde gegen den Uhrzeigersinn. Ein Drittel der Distanz hatte man zurückgelegt, die Bordkamera war gerade auf das Lenkrad des McLaren von Lewis Hamilton gerichtet - so konnte das Publikum den dramatischsten Moment des Rennens live verfolgen: Eben noch jenseits der 260 Kilometer die Stunde, wurde der britische Silberpfeil immer langsamer. Hamilton, gerade noch im sicheren Gefühl des dritten Sieges im vierten Rennen, betätigte verzweifelt die Schaltwippe, aber da ahnte er schon, dass nichts mehr ging. Das Getriebe im Auto des Führenden hatte sich verabschiedet. Sollte das schon das Ende seiner gerade frisch erwachten Titelträume gewesen sein? Offenbar kam das bittere Aus nicht ganz so überraschend für McLaren. Hamiltons Renningenieur entschuldigte sich über Funk: "Sorry, Lewis. Wir haben am Samstag versucht, was wir konnten." Demnach war das Getriebe bereits beschädigt, aber man hatte auf den Wechsel verzichtet, um einer Zurücksetzung um fünf Startplätze zu entgehen - weil die Poleposition in Singapur so wichtig ist. Hoch gepokert - fast alles verloren.
Vettel, der mit seinem Lichtmaschinenschaden Leidtragende vom vergangenen Rennen in Monza, übernahm damit die Spitze. Seinen Vorsprung auf Jenson Button baute er sukzessive aus. Als es 4,6 Sekunden waren, sorgte der Inder Narain Karthikeyan dafür, dass es in der 32. Runde zum fünften Mal im fünften Rennen auf dem Marina Bay Street Circuit zu einer Neutralisierung durch das Safetycar kam. Maldonado, der so überraschend so weit vorn mitgemischt hatte, ging während der Neutralisierung die Hydraulik am Auto flöten. Man muss bei der langen Nacht der Formel 1 nur Geduld haben, dann entwickelt sie sich schon, die besondere Dramaturgie. Hoffentlich sind da alle noch wach, denn auch die beiden Führenden waren offenbar eingelullt. Button knallte fast ins Heck von Vettel, als das Rennen in der 39. Runde wieder freigegeben wurde - Vettel war beim Aufwärmen der Reifen vom Gas gegangen.
Im nächsten Umlauf wurde es noch schlimmer: Der Franzose Jean-Éric Vergne befand sich im Nahkampf mit Sergio Pérez, als von hinten mit reichlich Geschwindigkeitsüberschuss Michael Schumacher heranschoss. Es kam zu einen heftigen Crash, aber nur zu Karbonschaden - ein Wochenende zum Vergessen für den Rekordweltmeister. Als der Unfall passierte, war der Mann, der um seinen Mercedes-Vertrag kämpfen muss, Zwölfter. Es war schon Schumis zweiter Crash dieser Art in Folge in Singapur - und er bestritt, zu spät gebremst zu haben. Mehr Kapital aus dem Chaos konnte sein Teamkollege Nico Rosberg (Fünfter) ziehen, Timo Glock belegte mit seinem Marussia den zwölften Rang. Nico Hülkenberg wurde im Force India vom Pech verfolgt und fiel auf Rang 14 zurück. Zum Schluss fuhr er aus Frust noch die schnellste Runde. Diese Rennnacht macht eben immer, was sie will.