Yas Marina Circuit, Schicksalsrennstrecke von Red Bull Racing. Jene Strecke, auf der das Formel-1-Team von Sebastian Vettel mit dem Gewinn des ersten WM-Titels erwachsen geworden war, nachdem es zuvor fünf Jahre lang als besserer Getränkefahrservice verspottet wurde. Seither dominiert der englische Rennstall unter österreichischer Flagge, und das scheinbar nach Belieben.
Im WM-Endspurt dieser Saison hat Vettel, der Vorzeigeschüler des Red-Bull-Systems, vor dem Großen Preis von Abu Dhabi 13 Punkte Vorsprung auf Fernando Alonso und Ferrari. Max Mosley, der damalige Präsident des Automobilverbands Fia, hatte den Oberbullen Dietrich Mateschitz davon abbringen wollen, seine Autos im Namen der Dose an den Start zu schicken: "Es kann doch nicht sein, dass ein Getränk Ferrari schlägt!" Konnte aber, wie man gerade wieder sieht, und Mosley überrascht es nicht: "Dass sie erfolgreich sein würden, stand für mich außer Frage - sie mussten nur bereit sein, Geld auszugeben und die richtigen Leute zu holen."
Gesagt, getan. Der Marketing-Etat in Salzburg scheint unerschöpflich. Während die Formel 1 mehr und mehr sparen muss, scheint bei Red Bull zu gelten: Der Erfolg muss her, koste es, was es wolle. Red Bull und das kleine Schwesterteam Toro Rosso scheren, wenn es um Maßnahmen zur Kostenreduzierung oder gar eine Budgetdeckelung geht, regelmäßig aus. Man könnte auch von (selbst gewählter) Isolation sprechen. Bei angeblich 600 Mio. Euro Etat Sportsponsoring mögen die 245 Mio. Euro, die 2011 für den zweiten Titelgewinn ausgegeben wurden, angesichts des riesigen PR-Wertes gar nicht so ins Gewicht fallen. Die Formel 1 aber spaltet es. Immer noch ist deshalb das Concorde Agreement, dass das Grundgesetz der Königsklasse für die kommenden sieben Jahre sein soll, nicht unterschrieben.
Künftig ist eine Etatobergrenze von 190 Mio. Euro vorgesehen. Red-Bull-Geschäftsführer Christian Horner verneint, dass sein Rennstall mit dem Geld um sich werfe, und beklagt seinerseits gern, dass bei jeder großen technischen Idee von Starkonstrukteur Adrian Newey (der auf ein Jahresgehalt von 8 Mio. Euro taxiert wird) die Konkurrenz sofort Protest einlegt. In der Tat wird Vettels Auto bei jeder Gelegenheit peinlichst genau auf eine zu kreative Regelauslegung untersucht. Schwere Verstöße aber konnten nie nachgewiesen werden.
Horners Gegenstrategie ist clever, zumindest nicht unpopulär: "Die Formel 1 sollte nicht von Buchhaltern geführt werden", klagte er dem Branchenblatt "Autosport", "denn es ist ein Sport, und starke sportliche und technische Regeln sind ein besserer Weg, um Kosten zu kontrollieren als Buchprüfungen und Kontrollen nach dem Ende einer Saison".
Ein nicht ausgesprochener Vorwurf ist der, dass Automobilkonzerne aufgrund ihrer Unternehmensstrukturen leicht die Regelungen aushebeln könnten - also exakt das, was viele im Fahrerlager auch Red Bull unterstellen. Laut den Gegnern würden Red Bulls offizielle Zahlen die wahren Verhältnisse am Teamsitz in Milton Keynes verschleiern. Dort ist nicht nur der Rennstall Red Bull Racing ansässig, sondern auch eine Firma namens Red Bull Technology, die nicht unter das Personal- und Finanzreglement der Formel 1 fällt. Und das wirke sich gerade jetzt, im Entwicklungsrennen um den Titel, wo jede spezielle Frontflügelvariante mehr den Unterschied ausmachen kann, entscheidend aus. Der Branchendienst Formula Money hat errechnet, dass Red Bull Racing und Red Bull Technology im letzten Jahr einen Umsatz von 486 Mio. Euro gemacht haben, ein Anstieg von 13,9 Prozent - bei einem Gewinn von nur 5,9 Mio. Euro. Das Durchschnittsjahresgehalt der Mitarbeiter liegt um die 100.000 Euro, Horner selbst, Direktor beider Unternehmen, käme zusammen auf 2,5 Mio. Euro. Horner begründet die gestiegenen Ausgaben im eigenen Haus auch mit Bonuszahlungen, hervorgerufen durch den gewachsenen Erfolg des Teams.
Grundsätzlich ist der Streit eine Frage unterschiedlicher Philosophien und Prinzipien in der Formel 1. Bislang basiert die Reglementierung des Sports auf der Annahme, dass auch Teams mit kleineren Budgets annähernd gleiche Chancen haben sollten, damit nicht die Krösusse die Rennen unter sich aus und damit immer langweiliger machen. Diese Zwangsregulierung ist aber nicht unumstritten.
Vorerst fährt Red Bull, auch wenn die Autos mit mehr Anpressdruck ausgestattet sind als die der Konkurrenz, in seiner eigenen Stratosphäre. Und der Rest befindet sich im freien Fall.