Glücksspiel:So wirkt sich die Öffnung des Sportwettenmarktes aus
Nach langem Streit wollen die Bundesländer privaten Anbietern Zugang zum Sportwettenmarkt gewähren. FTD.de zeigt, was die neuen Konzessionen bedeuten, wer davon profitieren will - und wo die Entscheidung auf Kritik stößt.
Nach jahrelangem Streit und dem Weckruf des Europäischen Gerichtshofs wollen die Bundesländer den Milliarden-Sportwettenmarkt für private Anbieter öffnen. Bisher waren solche Wetten nur beim staatlichen Anbieter Oddset zulässig. Die Bundesländer planen, ab 2012 sieben bundesweite Konzessionen zu vergeben. Diese Regelung solle testweise fünf Jahre lang gelten. Die Konzessionsabgabe soll 16,67 Prozent des Spieleinsatzes betragen. Die Höhe der Ausschüttungen dürften die Wettanbieter selbst bestimmen. Experten glauben allerdings, dass die Neuregelung in der Praxis fast wirkungslos verpuffen könnte. FTD.de gibt einen Überblick.
Die neue Regulierung des Wettmarktes seitens der Länder ist nicht freiwillig. Der Europäische Gerichtshof hat sie mit einem Urteil im September 2010 dazu verdonnert. Die höchsten Richter kritisierten, die Suchtbekämpfung werde nicht bei allen Spielarten konsequent verfolgt. Aber nur dann sei das Monopol des Staates überhaupt zu rechtfertigen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nehmen die Ländern 2010 insgesamt mit dem Glücksspiel 3,3 Mrd. Euro ein.
Die schwarz-gelbe Regierung von Schleswig-Holstein will den Sportwettenmarkt noch stärker lockern. Die Ankündigung, nur sieben Privaten Konzessionen zu erteilen, würde unweigerlich Klagen abgewiesener Bewerber zur Folge haben, lautet die Begründung. Sollte Kiel hart bleiben, fürchten Experten, dass Wettanbieter sich gezielt im Norden eine Lizenz zu besseren Konditionen besorgen und die Regelungen der übrigen 15 Länder unterlaufen.
Mehr als 1 Mrd. Euro werden in Deutschland jährlich bei Sportwetten umgesetzt. Nur die in Lotto-Annahmestellen angebotenen Oddset-Wetten hatten bislang eine staatliche Lizenz. Die Konkurrenz privater Anbieter im Internet hat aber immer mehr zugenommen. Weil diese Unternehmen, die ihren Sitz zumeist im Ausland haben, bisher keine Konzessionsabgabe entrichten mussten, können sie attraktivere Quoten anbieten.
Die Länder wollen den Glücksspielmarkt neu regeln und bei Sportwetten Lizenzen an private Anbietern vergeben.
Der deutsche Glücksspielmarkt ist insgesamt rund 10 Mrd. Euro schwer. Rund 1,2 Mrd. Euro betrug der 2009 der Rohertrag aus Sportwetten in Deutschland, also die Summe der Einsätze abzüglich ausgezahlter Gewinne. Fast 90 Prozent davon flossen in illegale Hinterzimmer oder an ausländische Onlineanbieter.
Die beliebtesten Spitzenreiter sind Fußballwetten, die den Wetten auf Pferderennen längst den Rang abgelaufen haben. Aber auch die Formel 1, Tennis, Eishockey und Wintersport sind bei Zockern beliebt. Die privaten Anbieter erlösen den größten Anteil ihrer Umsätze mit Live-Wetten während der Spiele. So kann beim Fußball darauf gewettet werden, wer das nächste Tor schießt oder wer den nächsten Eckball erhält. Gerade diese Wetten wollen die Ministerpräsidenten aber verbieten.
Die Neuregelung des deutschen Glücksspielmarkts wird vom Branchenschwergewicht Bwin Party Digital heftig kritisiert. Das neue Konzessionsmodell für Sportwettenanbieter widerspreche EU-Recht und gehe am Markt vorbei, teilte der Konzern mit. "Ein Abgabensatz von über 16 Prozent auf die Einsätze bei der Sportwette lässt keine Möglichkeit zu, ein wettbewerbsfähiges Produkt anzubieten", sagte Vorstandschef Norbert Teufelberger. Es bestehe die Gefahr, dass Spieler in den Schwarzmarkt getrieben werden.
Der deutsche Lottoverband kritisierte, der Entwurf beinhalte eine Zentralisierung des Onlinevertriebs der 16 staatlichen Lottogesellschaften. „Dieses ist offensichtlich kartellrechtswidrig“, teilte der Verband mit. Die Wettbewerbshüter hätten 2005 eine Kooperation zwischen den Glücksspielgesellschaften ausdrücklich untersagt.
Vor allem der Profi-Sport könnte von einer Marktöffnung profitieren und Wettanbieter als neue Werbepartner gewinnen. Allein die Fußball-Bundesligisten hoffen auf Zusatzeinnahmen von bis zu 300 Mio. Euro. Bislang war den privaten Wettanbietern Trikot- und Bandenwerbung verboten, nun soll sie erlaubt werden. Dagegen bleibt TV-Werbung rund um Übertragungen untersagt. Das stößt auf Unverständnis bei den Vereinen.
Für Amateurverbände sind die Einnahmen aus Sportwetten und Lotterien existenziell wichtig. Im Haushalt der Landessportbünde machen sie derzeit rund 80 Prozent aus. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) schlägt daher in einem eigenen Regelungsentwurf vor, ein Drittel der vorgesehenen Sportwettenabgabe der privaten Anbieter an den "gemeinnützigen Sport" fließen zu lassen. Kalkuliert wird mit hohen zweistelligen Millionen-Erlösen. Der DOSB kritisiert, dass im Eckpunkte-Papier der Ministerpräsidenten konkrete Angaben zur Verteilung der Einnahmen aus der Abgabe fehlen. Zudem hält der Verband die Höhe der geplanten Abgabe von 16,67 Prozent für "nicht marktgerecht".
Die Länder können die Nutzung von Spielautomaten nicht eindämmen, da sie nicht unter den Glücksspielstaatsvertrag fallen. Laut Gewerbeordnung ist der Bund für Automaten und Pferdewetten zuständig. Es gibt aber Pläne der Koalition, auch hier Auflagen zu verschärfen. In Gaststätten stehen deutschlandweit 70.000 Automaten, in Spielhallen 165.000.
Besucher sitzen an Spielautomaten im Casino in Erfurt
Experten warnen, Hunderttausende seien abhängig vom Spielen an Automaten oder im Internet. Vielen Süchtigen droht der finanzielle Ruin. Der Automaten-Hersteller Paul Gauselmann behauptet dagegen, die Riesenmehrheit der fünf Millionen Spieler an Geld-Gewinn-Geräten sei "gesund und störungsfrei". Rund 30.000 spielten mehr, als ihnen gut tue. Berlin hat zuletzt die Vergnügungssteuer erhöht, um die rasante Ausbreitung von Glücksspielautomaten zu stoppen.
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